Kowa Kallo W – 35mm

Die Kowa Kallo W trifft man wirklich nicht an jeder Ecke, womit sie etwas mit allen Kowa Kameras gemeinsam hat. Unter den wenigen Meßsuchern, die Kowa in den 1950er Jahren produziert hat, ist die Kallo W von 1955 ein Exot. Sie kommt nicht mit der damals typischen Normalbrennweite um die 50mm daher, sondern mit weitwinkligen 35mm. Daher auch der Namenszusatz W = Wide.

Kompakt und leicht: Kowa Kallo W

Hält man die Kallo W heute im Jahr 2019 in der Hand, mag man kaum glauben, dass diese Kamera über 60 Jahr alt ist. Sie liegt perfekt in der Hand, ist klein und leicht, sehr kompakt und ergonomisch. Sie wirft die Konventionen der 50er über Bord: 35mm Brennweite und eine Naheinstellgrenze von 0,49m… richtig gelesen: Gerade einmal 49 Zentimeter Motiv-Abstand zur Filmebene reichen für ein Foto aus nächster Nähe aus und das unglaubliche dabei: Der Meßsucher deckt den vollen Bereich zwischen 49cm und Unendlich ab.

Der Meßsucher der Kowa Kallo W von Innen

Die Konstruktion des Meßsuchers ist typisch für die Epoche. Während aber die großen Konkurrenten der Zeit ihre Sucher als Einheiten vorproduzierten, sind die Einzelteile des Kowa-Suchers kunstvoll direkt in das Chassis geschraubt. Jeder Stellweg des Suchers ist justierbar. Die Montage der Kallo muss daher ziemlich zeitintensiv gewesen sein.

Obwohl die Kallo W kleine Abmessungen hat, ist im Inneren viel Platz. Das liegt daran, dass Kowa auf ein klassisches Chassis mit durchgehender Kopfplatte verzichtet hat. Dieses Konstruktionsprinzip war seiner Zeit weit voraus und setzte sich eigentlich erst in den 1980er Jahren durch. Dank dieser Konstruktion ist der Objektivtrieb von oben zugänglich. Den Mechaniker freut das 😉

Kompakt: Kallo W

Die Kallo W setzt beim Zentralverschluss auf bewährtes: Ein Seikosha MX sorgt für Verschlusszeiten zwischen 1 Sek. und 1/500. Die Blende öffnet sich zwischen 2,8 und 16 und rastet in ganzen Stufen, wobei die Blende über einen kleinen Hebel rechts am Objektiv bewegt wird. Ein kleines Sichtfenster gibt Auskunft über die eingestellte Blende. Die Lamellen ergeben eine kreisrunde Öffnung und könnten sich erheblich weiter als f 2,8 öffnen, was aber beim verwendeten Objektiv keinen Sinn ergeben würde. Das Bauteil selbst, scheint für eine größere Kamera konzipiert zu sein.

Von unten: Advance, Reverse.

An der Unterseite findet man einen Schiebeschalter für normalen Filmtransport A und Zurückspulen R. Zum Rückspulen wird der runde Knopf am Topcover gedreht. Dieser lässt sich herausziehen und bequem bedienen. Ein Stativgewinde ist ebenfalls vorhanden.

Spieglein, Spieglein in der Kamera: Der Schwachpunkt.

An der Kowa Kallo W gibt es nichts, was ersthaft verschleißen könnte, bis auf den Teilspiegel. Und das ist typisch für Meßsucher der Fünfziger. Die Spiegelschicht des Teilspiegels ist derart empfindlich, dass sie nicht gereinigt werden kann. Wer einen sauberen Sucher haben will, der kommt um den Austausch des Spiegels nicht herum. Der Vorteil: Ein moderner Chrombedampfter Spiegel lässt sich problemlos immer wieder reinigen und hat erheblich bessere Reflexionseigenschaften, als das Original von Damals.

Die Meßbasis ist groß, aber durch die 0,6x Vergrößerung, die den 35mm Bildausschnitt anzeigt, ist die effektive Basis relativ klein. Allerdings legt das Objektiv einen großen Weg zurück und von Nah bis Unendlich will mehr als eine 1/4 Umdrehung gemacht werden. Die Kuppelung funktioniert im gesamten Fokusbereich. Einen Rahmen oder Parallaxenkorrektur gibt es nicht. Der Sucher ist für Brillenträger nicht gut geeignet, da man das Auge sehr dicht von den Sucher halten muss, um den vollen Frame zu sehen.

Der Sucher: Das der Meßfleck so klar und definiert erscheint, liegt am Umbau auf einen modernen 60% Chrom Teilspiegel.

Das Handling der Kallo W ist sehr gut und im Zentrum des Fotografierens, ist ein extrem scharfes Objektiv. Das Prominar F.C. bildet perfekt ab. Das Coating ist allerdings nur ein sehr einfaches und so kann zuviel Licht von vorne den Kontrast beeinflussen. Bei Blende 8 liefert die Linse die beste Leistung, während bei Offenblende im Nahbereich, die Bildränder insgesamt eher weich sind.

Seiner Zeit voraus: Kowa Kallo W

Die Fakten

  • Seiko MX Verschluss (Seikosha)
  • Verschlusszeiten 1 Sek. bis 1/500 Sek. und B
  • Blende 2,8 bis 16
  • Synchronbuchse, Modus M,X und F schaltbar
  • Objektiv: Prominar F.C. 1:2.8 35mm Brennweite
  • Mischbildentfernungsmesser ca. 0,49m bis Unendlich
  • Bildzählwerk mit manueller Rückstellung
  • ASA Merkscheibe
  • Stativgewinde
  • Zubehörschuh

Die Kowa Kallo W hat kein Vorlaufwerk, was der Kompaktheit zu gute kommt und sie zu einer perfekten Reisekamera macht. Dabei verzichtet die Kallo W auf Entfernungsangaben in Fuss und passt sich dem metrischen System an – der US Markt lag wohl nicht im Fokus von Kowa 😉 Nein: Es ist einfach kein Platz für eine weitere Skala.

Für wen eignet sich die Kamera? Nun, sie ist keine Kamera, die man mal eben problemlos kaufen kann und wegen ihrer geringen Stückzahl sind Ersatzteile nicht zu bekommen. Ersatzteile können also nur in Einzelanfertigung hergestellt werden. Als erste Meßsucherkamera ist die Kallo W keine Empfehlung. Für die Sammlung aber sehr wohl. Beim Kauf gilt zu prüfen:

  • Ist der Meßsucher klar und der Meßfleck erkennbar?
  • Ergibt die Entfernungsmessung annähernd plausible Werte?
  • Schnappt der Transporthebel mit einem Klick an die Kopfplatte, nachdem der Film transportiert wurde?
  • Lässt sich der A-R Schalter bewegen?
  • Sind helle Klappergeräusche zu hören, wenn man die Kamera schüttelt?
  • Lässt sich die Filmmerkscheibe drehen?
  • Lässt sich der Rückspulknauf in beiden Stufen herausziehen?
  • Ist der Bildnummernzähler bedienbar?
  • Funktionieren alle Verschlusszeiten, die Blende und der Syncmodus?

Die Liste ist lang, aber die Alterserscheinungen sind bei der Kallo sehr ausgeprägt. Oft werden diese Kameras aus Japan importiert und können stark korrodiert sein. Auch wenn die Kallo W gut zu warten ist, sollte der Aufwand zum Restaurieren nicht unterschätzt werden.

Open: Kowa Kallo W bei f2.8 – dicht dran am Motiv – auf Ilford FP4+ bei 250 ASA, XTOL 1+1, Scan vom Negativ

Die Qualität der Optik ist über jeden Zweifel erhaben. Das Handling des Meßsuchers ist jedoch nicht einfach und bedarf einiger Übung. Außerdem haben wir es bei Offenblende mit einer geringen Fokusverschiebung zu tun, die sich besonders im Nahbereich auswirkt. Die Kallo W braucht also Übung und Meßsuchererfahrung und ist daher für den Einsteiger in die Meßsucherwelt nicht geeignet.

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