M wie Meßsucher

Eine M wie Meßsucher? Brauche ich nicht. Damals jedenfalls nicht. Zugegeben: Eine Leica M zu besitzen war schon immer eine Art Traum. Keiner von der Sorte für den ich sterben würde. Keiner der mich bei jedem Foto verfolgt und garantiert keiner von der Sorte, den ich ernsthaft wahr werden lassen wollte. Reduktion auf das Wesentliche, Entschleunigung, Konzentrieren auf das Motiv. Alles hohles Blabla, wenn es wie eine Werbung in die Menge gefeuert wird. Diese Phrasen, frisch gedroschen, hört man an jeder Ecke, liest sie in jedem Forum von scheinbar unendlich vielen Experten, die die Fotografieweisheit mit Löffeln gefressen haben und genau deswegen allenfalls belangloses Bildmaterial produzieren, was dann mittels digitaler Bildbearbeitung einen dramatischen Look bekommt, damit die Follower in Begeisterungsstürme ausbrechen. Hurra. Eine Meisterleistung.

Mein für mich bestes Bild stammt aus einer gammeligen, alten EOS Einsteigerkamera mit Kitlinse. Und es ist das Beste, weil es weder technisch perfekt oder ultrascharf gewesen wäre, sondern einfach nur weil das Motiv und der Moment das Bild besonders machen. Ich traue mir schon zu, einen schönen Moment zu erkennen und wenn mir eines bewusst geworden ist, dann dass nur ich es bin, der das Bild beeinflusst. Keine Kamera, keine Linse, keine Automatik. Im Gegenteil. Man sollte wissen, was man will, damit man selber weiss, was man braucht. Ganz einfach, oder?

Vor einigen Jahren keimte bei mir das alte Interesse an der analogen Fotografie wieder auf und so kam es, dass ich nach einer Analogen suchte, die parallel zur Digitalen in eine kleine Fototasche passt.

Die Rangefinder der Siebziger erwiesen sich da als durchaus praktisch, günstig zu haben und klein genug. Aber Rangefinder? Ja gut, ist kompakt. Aber eine Bildkomposition ohne Blick durchs Objektiv? Keine Schärfentiefenvorschau? Naheinstellgrenze von der gefühlten Länge eines Reisebusses? Nö, nö, nö. Uncool. (Auch wenn ihr es nicht glaubt, aber ich war am Anfang kein Freund des Meßsuchers)

Doch als kompakte, analoge Begleiterin auf Trips war nun immer eine Revue 400 SE dabei. Das Handling gelang mir in den Jahren immer besser. Gewohnheit und Übung machen viel aus. Dann kam das Upgrade auf eine Canonet GIII. Es fing an Spass zu machen. Unzählige Filme wurden belichtet und irgendwann konnte ich vor meinem geistigen Auge während der Aufnahme das fertige Bild sehen; trotz Meßsucher und gleichsam genau wegen des Meßsuchers.

Canonet GIII auf Ilford FP4+ – Blende und Verschlusszeit? Keine Ahnung 🙂

Die Canonet hat eine Parallaxenkorrektur im Sucher (wie die M). Mit der Routine wird das Framing immer perfekter. Und dann ist da das Fokussieren. Mit der Canonet lerne ich Framing und Fokussieren in einer fliessenden Bewegung zu machen. Mit der Zeit und der vielen Übung, weiss ich intuitiv wohin ich den Fokus drehen muss. Die Geschwindigkeit nimmt derart zu, dass ich fast genauso schnell werde, wie der Autofokus meiner D600. Es macht Spass, ein Werkzeug zu beherrschen. Der Meßsucher der Canonet ist relativ klein und ist nicht unter allen Umständen perfekt zu erkennen. Trotzdem komme ich an den Punkt, an dem ich mit dem Meßsucher definitiv schneller bin, als der AF meiner Nikon. An diesem Punkt frage ich mich: Warum gibts eigentlich keine Digitalkameras mit echten Meßsuchern? Das wär’s doch… (*Ding Dong*)

Zwischen diesem Gedankengang und der Erkenntnis, dass ich eine Leica M will und brauche, vergehen ca. 3,141592654 Millisekunden. Eine Canonet GIII hat eine sehr simple Belichtungsmessung mit nur einem Meßpunkt. Sie hat keine 3D Matrixmessung oder anderen Zauberkram. Doch was kommt am Ende dabei heraus? Blende, Verschlusszeit, ISO. Das sind die Grundparameter eines Fotos. Analog wie Digital. An der GIII stelle ich genau das ein und man glaubt es kaum: Es entsteht ein Bild. Mehr brauche ich doch gar nicht, das weiß ich jetzt! 

Die Leica M ist genau mein Beuteschema. Meine Skepsis und frühere Ablehnung des Meßsuchers, ist mit der Zeit einer absoluten Meßsucherbegeisterung gewichen. Eine Leica M ist ein teurer Spass, aber der Punkt ist gekommen, das Angebot ist günstig und ich schlage zu. Einige Tage und ein paar schlaflose Nächte später, öffne ich den Karton einer Leica M Typ 240. Ich bin sofort zu Hause. Die Entscheidung war richtig. Die M verhält sich genauso, wie ich es von einer Analogen erwarte. Der Meßsucher ist ein deutliches Upgrade zur GIII. Und ernsthaft: Für mich ist die M ein Upgrade zur GIII. Mag bescheuert klingen, aber ich sehe die M als eine Analoge mit digitalem Negativ. Sie verhält sich wie eine Analoge. Ich kann mich darauf verlassen und Blende und Verschlusszeit nach Gefühl einstellen und es entsteht ein Bild wie auf Film. So entstehen mit der M vom Start weg Schnappschüsse, die mit Automatiken nicht möglich sind. 

Ich kann meine Fokussierregeln anwenden und treffe ohne Nachdenken sofort den Fokus auf den Punkt. Ich kann auch dann noch fokussieren, wenn kein AF der Welt noch irgendwas zum Fokussieren findet. Man muss für sich selbst erkennen, was einem liegt und was nicht. Vielleicht war ich auch nur zu doof für AF Systeme, weil ich mich nie darauf verlasse habe. Ich habe lieber mehrfach den Auslöser halb angetippt, um mir sicher zu sein, den richtigen Punkt zu treffen (und dann doch oftmals den einen Moment verpasst). Ich habe auch immer nur das mittlere AF Feld benutzt. Ich habe ISO immer manuell eingestellt und stets die Blende vorgewählt. Meine Automatik war höchstens die Verschlusszeit. Die M ist wie von einem anderen Stern, nämlich von meinem Stern. Ich habe ein echtes Werkzeug in den Händen.

Mit der M und einem 35er unterwegs. In C1 in SW umgewandelt

Was für eine Verwandlung! Vor einigen Jahren stand Mehrdad mit seiner M6 vor mir. Damals hatte ich eine Voigtländer Bessa R, die ich zwar mochte, weil die manuell und kompakt war, aber der Meßsucherfunke war noch nicht übergesprungen. Es gab nichtmal einen Funken, der hätte springen können. Und da stand also Mehrdad so mit seinen leuchtenden Augen und seiner M6 und ich überlegte mir ernsthaft, ob der arme Junge nicht professionelle Hilfe braucht, wenn der sich für höllenviel Geld ein antikes Stück Nachkriegstechnik zulegt. Ich kann heute dazu nur noch eines anmerken: Mann, Mehrdad! Wie kann man nur so eine geile M6 abgeben???

Ich habe nur noch maximal 3 Festbrennweiten dabei. Die kleinen Linsen passen zusammen mit der M sehr bequem in die Billingham Digital. Blende, Verschlußzeit, ISO. Mehr brauche und will ich nicht. Warum ist so wenig, eigentlich so teuer? Und eigentlich brauche ich nur die M mit einem 35er. Das ist meine Brennweite geworden. Schon an meiner Nikon habe ich eigentlich nichts anderes mehr benutzt. Und die GIII mit einem schönen Schwarzweissfilm passt auch noch in die Tasche. Mich interessiert nicht mehr das letzte Quäntchen Schärfe oder irgendeine technologische Superlative. Ich bin raus aus der Nummer. Ich gehe jetzt lieber ein paar Bilder machen. Ich werde auch nicht heulen, wenn die M eine ordentliche Patina bekommt, weiß ich doch wenigstens, dass jede Macke im Einsatz entstanden ist.

M – wie Morgengrauen. Mit dem 21er f4. Keine besondere Bildbearbeitung.
Die Erleuchtung.
Stille Nacht.
Fenster.
Der Fahrstuhlklassiker. Wer kann deM schon widerstehen?

p.s.: Lest keine Foren, wenn ihr etwas zur M erfahren wollt. Eine coole Quelle zu vielen M Themen von Leuten, die auch wirklich mit der M arbeiten findet Ihr auf qimago.de

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