Meßsucher Digital !?

Leicas legendäre Meßsucherkameras mit der Bezeichnung M haben sich seit 1954 augenscheinlich kaum verändert. Dem Design der Leica M ist Leica kompromisslos treu geblieben. Dennoch müssen wir heute nicht mehr auf Film fotografieren, wenn wir mit einer echten Meßsucherkamera arbeiten wollen. Die Leica M ist schon lange irgendwie digital geworden. Grund genug einmal einen Blick auf das digitale Fotografieren mit einer Leica M zu werfen und die Frage zu stellen: Wann sehen wir Innovationen beim Meßsucher?

Nicht immer nur Film

Analog ist toll. Ich mag den Look analoger Bilder wirklich gerne, aber im Alltag ist das analoge Bild doch mit vielen kleinen Nachteilen verbunden. Der Hauptaspekt ist die Geschwindigkeit und dabei meine ich nicht die Geschwindigkeit beim Fotografieren. Nein, es ist der ganze Workflow: Film vollknipsen, Entwickeln, Abzüge erstellen oder scannen sind viele Arbeitsschritte, die es kaum ermöglichen die Ergebnisse sofort zu sehen, so wir wir es von der digitalen Fotografie gewohnt sind. Und keine Frage: Ich mag auch die digitalen Bilder sehr gerne.

Gar nicht soweit weg

Die digitale Leica M ist die vielleicht analogste Digitalkamera, die es gibt. Nicht nur weil ihr Handling mit der analogen Variante identisch ist, sondern weil die Leica M auch diese analoge Anmutung ins digitale Bild bringt. Der Unterschied ist daher gar nicht mal so groß, wie es scheint und wir vergessen natürlich auch nicht, dass das meiste des Looks vom Objektiv stammt. Was die Leica M aber im Besonderen auszeichnet, ist diese spezielle Wiedergabe der Bildinformation, die einen sofort an ein analoges Bild denken lässt. Wenngleich auch sehr subtil, denn die Bildqualität der Leica Kleinbildsensoren liegt weit über dem, was man mit einem guten Film je erreichen könnte.

Meßsucher Digital
M6, M3 und M240 – Eine Leica M erkannt man sofort – egal welches Baujahr

Die Einschränkungen

Die Leica M ist keine so universelle Kamera, wie eine moderne Spiegellose oder Spiegelreflexkamera. Sie hat keinen Autofokus und durch ihr Konzept sind Nahaufnahmen nur eingeschränkt oder mit Aufwand möglich. Fotografie mit Teleobjektiven am Meßsucher ist auch keine gute Option, da in dem dann winzigen Rahmenausschnitt man kaum etwas erkennen kann. Bei einer Analogen Kamera sind das alles Parameter, die man auch mal verschmerzen kann. Bei der digitalen M muss man sich auf ein paar bestimmte Linsen und Motive konzentrieren und bestimmte Randbereiche der modernen Fotografie herausstreichen. Das macht die digitale M nicht unbedingt zu einer Allzweckkamera und auch nicht zu einer guten Reisekamera.

Die Inspiration

Der große Sensor und die große Auswahl an außergewöhnlich guten Objektiven ist allerdings so inspirierend, dass sich viele der Nachteile gerne in Kauf nehmen lassen. Und das gilt nicht nur für originale Leica Objektive; auch das aktuelle Lineup der Voigtländer Objektive für Leica M Mount erzeugt herausragende Bilder. Am Ende ist es aber vielmehr der Reiz des Meßsuchers, der manuellen Kontrolle und des überlegten Fotografierens, was das Erlebnis mit der Leica M besonders macht.

Meßsucher Digital
Display statt ISO-Merkscheibe oder ISO-Stellrad. Für eine Leica M ziemlich progressiv 😉

Innovation

Ich stelle hier ganz provokant die Frage in den Raum: Wo sind bei der Leica M eigentlich die Innovationen? Große Sensoren haben andere auch – und sogar deutlich bessere. Und andere Innovationen? Gibt es überhaupt welche? Die Antwort auf diese rhetorischen Fragen ist eigentlich klar: Es gibt keine und das empfinde ich als sehr schade und irgendwie auch bedauerlich. Leica hat das Meßsucherkonzept entwickelt und kultiviert aber seit der Leica M3 hat sich das Sucher nicht weiterentwickelt. Warum ergänzt man den optischen Sucher nicht mit einem digitalen Sucher und warum wagt es Leica nicht, die M zu einem AF-System weiter zu entwickeln? Eine Leica M ist eine sehr traditionsbewusste Kamera und wird eigentlich gar nicht weiterentwickelt. Ab und zu kommt ein Sensor mit mehr Auflösung und etwas weniger Rauschen. Vielmehr Enthusiasmus steckt Leica darin, die aktuelle M noch mehr nach M3 aussehen zu lassen, als lieber an technischen Innovationen zu arbeiten.

Zukunft

Ich bin wirklich ein überzeugter Fan des Meßsuchers und ich liebe meine Leica M Kameras (digital wie analog), aber ich gehe nicht immer mit der Leica auf Fototour, weil ich auch nicht immer die Einschränkungen der M in Kauf nehmen will. Schön wäre es also, wenn Leica den Meßsucher weiterentwickeln würde. Wenigstens die Integration des Visoflex direkt in den Sucher wäre schonmal ein toller Anfang. Ein kleinerer Mindestabstand und auch einen einfachen Autofokus würde ich sehr gerne an einer M Kamera in Zukunft einmal sehen wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine M Kamera diese Features einmal haben wird, ist gering.

Meßsucher Digital
Der Meßsucher, der immer Meßsucher geblieben ist. Leica M240 mit den bewährten 0,72x Sucher.

Meßsucher ohne Leica?

Das gibt es durchaus. Die erste digitale Meßsucherkamera war die Epson R-D1, die auf Basis der Voigtländer Bessa entstanden ist. Und aktuell gibt es als Alternative zur Leica noch die Pixii. Diese kommt zwar nur mit einem APS-C Sensor, aber eben mit einem echten Meßsucher. Doch auch bei der Pixii sucht man echte Innovation vergebens.

Bekenntnis

Der Meßsucher ist meine bevorzugte Fokussierhilfe. Soviel steht fest. Dennoch kann ich mich dem Credo der Marketingstrategen und Fanboys nicht anschließen. Entschleunigung, Reduktion auf das Wesentliche, die Essenz des Fotografierens, Kreativität durch volle manuelle Kontrolle, usw. sind schnell dahergeredet, aber das sind alles Eigenschaften von beinahe jeder alten, analogen Kamera. Dazu braucht man keine digitale M… und nach den kritischen Worten muß ich jetzt doch zugeben: Ich schon. Ich brauche das eigentlich auch nicht, sondern ich will es 😉

In diesem Sinne: Schnappt Euch Eure Lieblingskamera und werdet kreativ.

6 Comments

  1. Hallo Matz,
    schön dass Du in das gleiche Horn stößt; die Innovationen bei Leica beim M-System sind – äh- sehr zurückhaltend. Ich wünsche mir von Leica für die M11 mehr Mut. Ein 24MP, ein Bildstabilisierung, ein Visoflex in den Sucher, Filmsimus wie bspw. bei Fuji, das Sucherbild kommt per TTL, ein Klappdisplay, Slot für ne 2.Speicherkarte, und die Größe bitte nicht ändern, eher kleiner und leichter werden. Mir würde sicherlich noch mehr einfallen

  2. Es würde sich auch mal ein Blick auf die digitalen Messsucherkameras von Fuji lohnen, finde ich. Ist die einzige Alternative zu Leica und zu einem normalen Preis. Es gibt Leute, die halten z.B. eine X100V der Leica mit Summicron für ebenbürtig bei weniger als 1/5 des Preises.

    • Hallo Herr Busch
      Es gibt keine Messsucherkamera von Fuji. Wenn Sie das denken, haben Sie die Technik des Messsuchers nicht verstanden. Die Leica Q kann man dann eher mit der X100V vergleichen, obwohl das 23mm Objektiv nicht an die Qualität des Leica-Objektives rankommt. Ich habe beide besessen und natürlich ist das Preis/Leistungsverhältnis der Fuji spitze, würde aber die Q immer wieder vorziehen.

  3. Hallo Matz,

    ich habe Ihre Website gestern entdeckt und finde was Sie schreiben sehr inspirierend und informativ. 😉

    Sie schreiben häufig über die Kombination Leica M und Voigtländer Objektive.

    Ich selbst möchte gerne Voigtländer Optiken nutzen und stehe immer wieder vor dem (unlösbaren) Problem das die Optik und die M ( M kalibrierter Fokus ) nicht zu einem Scharfen Bild führt da entweder ein Front- oder Backfokus vorhanden ist. Weder der eine noch der andere Hersteller sieht sich hier verantwortlich bzw. möchte dieses Thema gerne ausdiskutieren bzw. eine Hilfestellung geben.

    Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

    Danke nochmal für Ihre Zeit und mühe die Sie sich hier geben.

    Beste Grüße
    André

    • Hallo André,
      ich benutze tatsächlich überwiegend Voigtländer Linsen an der M. Dabei machen alle aktuellen Modelle keinerlei Probleme. Bei den älteren Serien gab es besonders bei meinem ehemaligen 50er Nokton 1.1 eine erhebliche Fokusdrift im Nahbereich. Man muss dabei 2 Zustände unterscheiden. Wenn es über den gesamten Entfernungsbereich eine Abweichung gibt, ist das Objektiv oder Kamera fehljustiert. Stimmt die Kamera mit anderen Objektiven problemlos, liegt die Schuld i.d.R. beim Objektiv. Im 2. Fall tritt die Abweichung nur im Nahbereich auf. In solchen Fällen wird es schwierig, dich auch hier gilt: Funktionieren verschiedene andere Objektive an der Kamera problemlos, ist es das Objektiv. Problematisch ist nur, dass sich das kaum justieren lässt, da die Ungenauigkeit dann am Flansch zum Meßarm liegt. Eine Firma wie Voigtländer, die nur noch eine Handelsmarke von Cosina (Japan) ist, wird da kaum ein Objektiv nacharbeiten. Bei Leica würde man die Optik einsenden und justieren lassen.

      Es ist aus der Ferne immer schwer zu beurteilen. Ich hatte schon M/LTM Kameras hier, wo angeblich ein neues Objektiv nicht funktioniert. Das Objektiv selbst erwies sich dann als vollkommen korrekt, aber die Kamera mit 2 weiteren Objektiven war dejustiert. Andersherum habe ich auch schon Linsen hier vermessen, die ab Werk fehljustiert geliefert wurden.

      Ich persönlich würde ein neues Objektiv, was an meiner M nicht korrekt fokussiert wieder zurückschicken.

      Gruas, Matz

      • Hallo Matz,
        danke für Deine Antwort. Bei beiden M Analog und Digital wurden vor ein paar Monaten die
        E-Meter bei Leica justiert (Summilux 35mm ebenfalls).

        Hatte ein 50mm und 75 mm Nocton von Voigtländer bestellt beide gingen zurück weil ich kein Ergebnis bekommen habe dass stimmig war.

        Sehr schade und der Kundenservice von V…….. war keine Hilfe die sagen Pauschal es liegt an Leica.

        Beste Grüße
        André

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