Revue Auto S22 oder auch Konica Auto S2 – eine Ikone

Bevor die Generation der 70’s Rangefinder erschien, gab es diese Kameraart natürlich auch schon. Und das es hier immer nur um die letze Generation der kompakten Messsucherkameras geht, ist gegenüber so manchem Modell der Sechziger Jahre nicht ganz fair. Das gilt vor allem für die Konica Auto S2, die ab 1967 produziert und hier in Europa von Foto-Quelle unter der Bezeichnung Revue Auto S22 vermarktet wurde.

Die Revue Auto S22 ist vollgepackt mit Features, die in der folgenden Generation wegoptimiert wurden – leider. Darum lohnt es sich mal einen genaueren Blick auf diese Kamera zu werfen.

Size Matters 😉 – Leica M4 mit Planar 50/2.0 neben Revue Auto S22 mit Hexanon 45/1.8

Im Foto-Quelle Katalog des Jahres 1968 findet sich das Folgende zur Revue Auto S 22:

Kleinbildkamera 24 x 36mm, mit Filmschnelleinfädelung, Objektiv 1:1.8/45mm, Metereinstellung bis 0,9m, Leuchtrahmensucher mit Parallaxenausgleich, Mischbild-Entfernungsmesser, Cds-Belichtungsmesser für automatische und manuelle Blendeneinstellung (14 bis 27 DIN), Verschlußzeiten 1/500 bis 1 Sek. und B, Blitzanschluß, Selbstauslöser, Automatische Berücksichtigung der Filterfaktoren, Filtergewinde-Durchmesser E 55mm.
Bestellnummer 1038
Nur 299,- DM

Foto-Quelle Katalog 1968, Seite 15.

Viel Text ist es nicht, aber dafür bekam man als Käufer viel Kamera fürs Geld. Eine Leica M4 kostete damals im gleichen Jahr ohne Objektiv schon stolze 855,- DM und die war nicht in der Lage die Belichtung zu messen, oder gar die Blende automatisch zu steuern. Eine lichtstarke und exzellente Festbrennweite mit einer Reihe von Komfortfunktionen klingen zu dem Preis durchaus verlockend. Und heute?

Das Erste, was auffällt: Sie ist groß. Richtig groß. Eine Leica M wirkt fast zierlich neben dieser gestandenen und hervorragend verarbeiteten Kamera.

Als Zweites merkt man, das man etwas zum anfassen hat. Sie liegt gut in der Hand. Dabei ist sie noch einigermassen leicht und gut zu handhaben. Eine Leica M mit 50er Objektiv ist schwerer.
Die Verarbeitung und Qualität ist natürlich nicht auf dem Niveau einer Leica; dennoch: Eine hochwertige Kamera. Keine Frage.

Der Meßsucher ist relativ groß und entspricht ca. dem der Canonet QL (erste Generation). Die Suchervergrößerung beträgt 0,7x (also nur etwas weniger als bei der Leica M4). Er hat eine wundervolle Parallaxenkorrektur und als Erbe von der Konica IIIa hat er sogar eine Bildausschnittkorrektur. Das Meßsuchererlebnis ist großartig!

Der Messsucher mit dem beweglichen Leuchtrahmenfenster

Leider ist die Meßbasis recht klein, aber immer noch ausreichend für die Kamera. Im Sucher ist die Belichtungsmessung, deren Anzeige man auch auf der Deckkappe findet, eingespiegelt.

Blick in den Sucher der Revue Auto S22

Ganz besonders genial ist aber die Tatsache, dass der Belichtungsmesser, der von der bekannten Marke Sekonic stammt, auch im voll manuellen Modus der Kamera aktiv ist!

Man kann ihn also direkt als Empfehlung verwenden, oder die Kamera in den A Modus schalten und die Vorzüge eines Blendenautomaten geniessen. Das findet man nicht oft bei den kompakten Meßsuchern.

Wie die Canonet, hat die Revue Auto S22 eine Fehlbelichtungssperre im Automatik Modus.

Einblick von oben. Der offene Messsucher und der Belichtungsmesser von SEKONIC

Die Bedienung der stufenlosen Blende kann wegen des dünnen Ringes etwas fummelig sein. Die übrigen Bedienelemente hingegen sind gut zu greifen. Man darf immer nicht vergessen: Die Kamera sollte frisch gewartet sein, um ein echtes Gefühl für die Qualität der Revue Auto S22 zu bekommen. Ist der Fokus schön gedämpft und der Verschlussring leichtgängig, lässt sich die Kamera hervorragend bedienen.

Der Filmtransport ist etwas laut. Die Revue Auto S22 basiert auf einem Facelift der Konica Auto S2, nämlich der Auto S2 EL. EL steht dabei für Easy Loading, was Foto-Quelle in den Begriff “Filmschnelleinfädelung” übersetzt hat. Dabei schiebt man den Filmanfang nur leicht in eine der zahlreichen Schlitze der Aufwickelspule und schliesst die Rückwand. Eigentlich ist das sogar einfacher, als die komplizierte konstruierte Quick Load (QL) Lösung der Canonet QL.
Die Verzahnung für den Antrieb des Verschlußschlittens, ist sehr rustikal ausgeführt. Das produziert Geräusche, dürfte aber die nächsten 10000 Jahre halten 😉

Das Objektiv ist eine kleines Sahnestück. Es ist unglaublich Scharf und kontrastreich. An den Bildrändern muss man bei der Schärfe ein paar nicht nennenswerte Abstriche machen und die Optik produziert bei Offenblende eine (schöne) Vignette. In Summe ist es aber eine fantastische Linse. Die Naheinstellgrenze liegt bei 90cm. Bei 45mm Brennweite ist das schon relativ brauchbar für Portraits. Das Bokeh kann etwas nervös bei vielen kleinen Lichtquellen wirken. Der Unschärfeverlauf hingegen ist sehr gefällig.

Die Anzeige des Belichtungsmesser der Revue Auto S22

Leider sieht man diese Kamera heute nicht mehr oft. Wer eine ergattern kann, der sollte zuschlagen. Es muss nicht immer eine S3 oder Canonet sein. Ein ganz kleines Manko ist, dass die Belichtungsautomatik nur bis 400 ASA arbeitet. Da aber der Belichtungsmesser auch im M Modus zur Verfügung steht, kann man ohne große Mühen – also mit etwas Rechnen – im M Modus auf jedem ASA belichten.

Es gibt aber einiges zu beachten beim Kauf! Es gibt im Inneren ein paar Schaumstoffdichtungen, die sich ganz sicher im Laufe der Zeit aufgelöst haben. Die Mechanik ist bekannt dafür trockenzulaufen. Verharzen ist zwar weniger das Problem, aber es ist fast unvermeidlich, dass Verschlussring und Blendenring schwergängig sind und der Schneckengang des Objektivs viel Spiel hat und das Objektiv sich alleine bewegt, wenn man die Kamera nach unten hält. Das ist für alle Zonenfokussierer eventuell lästig, wenn man sich auf eine Distanz und Blende festgelegt hat (Schnappschussmodus).
Das Gute ist: Diese Probleme kann man alle schnell beheben. Ein schneller Service macht die Kamera wieder fit für viele Jahre Messen und Suchen 🙂

Revue Auto S22 bei ca. Blende 2 auf FP4+
Grundsätzlich ein sehr schönes Bokeh. Die Kombination aus Brennweite und maximaler Blendenöffnung eignet sich gut für Portraits.
Revue Auto S22 bei Blende 5,6 auf FP4+
Das Objektiv bildet herausragend scharf und kontrastreich ab.

P.S.: Die Revue Auto S22 ist mein heimlicher Favorit unter allen Meßsuchern, die ich bisher in den Händen hatte. Form und Funktion finde ich einzigartig bei dieser Kamera.

4 Comments

  1. Hallo Matz.
    Kannst Du mir auch eine Revue Auto S22 reparieren?
    Würdest Du mir vorher einen KVA machen?
    Grüsse vom Niederrhein,
    Günter

    • Hallo Günter.
      Das kann ich sehr gerne machen. Schicke mir doch einfach eine Nachricht über die Kontaktseite.
      Gruss, Matz

  2. Wenn ich das so lese, dann muss ich mich ja fast dafür schämen, dass ich heute morgen eine S22 im Paket mit einer Agfa Silette für 25€ gekauft habe. Als angehender Chemiker, der sich eigentlich nur mal an der Entwicklung von Fotos versuchen wollte, hab ich eigentlich nur nach irgendeiner analogen Kamera mit netter Optik gesucht. Dass der An- und Verkäufer bei uns im Ort scheinbar genau so wenig Ahnung von Kameras hat wie ich, hätte ich allerdings nicht gedacht. Naja, da hab ich wohl Glück gehabt.

    • Das ist wirklich Glück. Glückwunsch 😀
      Es ist aber in jedem Fall sinnvoll durch das Filmfach in die Kamera zu schauen, um zu prüfen, ob sich die Blende korrekt bewegt und auf den Automatikmodus reagiert. Das ist ein weit verbreitetes Problem bei der S22.
      Viel Spaß mit der Kamera und Gruß, Matz

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