Lichtgriff

Messsucher Fotografie, Elektrisches und Bass

Carl Zeiss Jena – Werra 3

Es ist eine Kamera, die ich zuvor nur einige wenige Male in den Händen hatte. Jedes Mal aber, war ich positiv überrascht von dieser kleinen und wertigen Kamera mit ihrem doch stattlichen Schnittbild-Meßsucher. Die Suche nach meiner eigenen Werra erwies sich dennoch irgendwie als schwierig. Die meisten Werra sind eher Typ 1, 2 oder Mat. Die Werra 3, als auch die Matic mit ihren Meßsuchern sind eher selten zu finden. Zudem mag ich die Thüringer-Wald-Grüne Variante am liebsten und bin generell kein Fan der alten Selenzellen-Belichtungsmesser. Daher war die Suche nach einer brauchbaren Werra 3 in Grün – erste Generation ab 1954 – nicht wirklich einfach. In der Podcast Folge 10 ist die Werra 3 eine von 4 vorgestellten Kameras.

Funktionsprinzip

Die Werra bedient sich für den Filmtransport und den Verschlussaufzug einem ähnlichen Funktionsprinzip wie die Konica III. Allerdings ist das Funktionsprinzip der Werra deutlich einfacher umgesetzt und anstelle einer komplizierten und filigranen Konstruktion wie bei der Konica, sieht es bei der Werra eher nach Schlosserhandwerk aus. Das ist aber keine negative Kritik, denn zum einen bin ich ein Fan von simplen Konstruktionen und zum anderen ist insbesondere die Konica IIIA einfach eine andere Liga

Technik Highlights

An der Objektivbasis befindet sich ein großer Drehring, der bei Betätigung den Film transportiert und den Verschluss spannt. Im Handling kann man auch den Ring festhalten und die Kamera drehen. Es ist einfach so erfrischend anders die Werra zu bedienen. Da sich die Rückwand, wie beispielsweise bei einer Leica CL komplett entnehmen lässt, befindet sich die gesamte Mechanik des Antriebs an der Chassisoberseite. Darüber thront die Meßsuchereinheit, die ohne Übertreibung ein kleiner Leckerbissen der optischen Feinmechanik ist. Aus dem vollen geschliffene Prismen und Gläser formen einen Schnittbild-Meßsucher. Im Gegensatz zum Mischbild-Meßsucher, wie wir ihn von der Leica kennen, in dem sich 2 Bilder überlagern, wird hier ein Schnittbild ähnlich wie bei einer Mattscheibe erzeugt. Das bedeutet: Das Entferunungmesserbild mischt sich nicht mit dem Sucherbild, sondern überlagert es.

Werra 3
Die Rahmenlinien für die 3 Brennweiten 35, 50 und 100mm.

Schnittbild Entfernungsmesser?

Es ist ein anderer Ansatz, mit dem sich die Werra aus meiner Sicht keinen großen Gefallen getan hat. Wenngleich die Umsetzung irgendwie beeindruckend ist, so ist das Konzept des Schnittbildentfernungsmessers nicht ideal für die Verwendung in einer Kamera und dazu eine schon wirklich bizarre Materialschlacht. Besonders die japanischen Hersteller waren bei simplen wie effektiven Meßsuchern deutlich weiter und für das Konzept “Volkskamera” wäre ein Mischbildentfernungsmesser m.M.n. einfach besser gewesen. Da man also kein Mischbild in der Werra sieht, sondern nur “ein” Bild, ist das Fokussieren nicht so elegant, wie mit einer Leica, aber dank 52mm Basislänge dennoch sehr präzise möglich. Das Fokussieren auf kleine Objekte, die innerhalb des Meßflecks liegen, ist nur schwer möglich und gefällt mir persönlich gar nicht. Besonders bei Portraits mit dem Versuch auf ein Auge zu fokussieren, ist der Sucher der Werra keine Hilfe.

Man kann auch nicht mit beiden offenen Augen fokussieren, da das Okular nicht mittig im Sucher sitzt und mit der Vergrößerung geht das ohnehin weniger gut. Ganz provokant würde ich jetzt sagen: Die Schöpfer der Kamera haben das Prinzip Meßsucherkamera leider nicht verstanden. Im Alltag wird aber nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde und der Sucher der Werra ist auf seine Weise ja nun wirklich nicht schlecht. Er hat Einschränkungen, mit denen man sich auf kreative Weise arrangieren muss. Wie man in den Fünfzigern Jahren perfekte wie gleichsam simple Meßsucher gebaut hat, zeigt auch eindrucksvoll die Agfa Ambi Silette, eine Kamera, zu der die Werra viele Parallelen hat. Einen gigantischen Vorteil hat das Sucherprinzip: Mit dem hellen Sucher kann man regelrecht in die Finsternis fokussieren.

Design

Ein Kameradesign wie das der Werra war und ist einzigartig und ist für meinen Geschmack extrem gut gelungen. Ich finde die kleine Kamera richtig schön. Sie liegt traumhaft geschmeidig in der Hand und verwöhnt den Reisefotografen mit sehr kompakten Abmessungen. Das grüne Vulkanit ist eine Hommage an den Thüringer Wald in welchem die Produktionsstätte der Werra lag und zeigt wohltuend, dass eine Kamera nicht immer nur schwarz beledert sein muss.

Werra 3
Ohne die Snoopynase sieht die Werra wirklich gut aus.

Präzision

Die Werra entstammt einem neu aufgebauten Werk mit offenkundig (damals) neuen Maschinen. Das sieht man der Kamera und ihrer Verarbeitung sofort an. Die Maßhaltigkeit der Teile ist sehr gut. In der Werkstatt macht die Werra eine gute Figur, da sie sich sehr schön feinjustieren lässt. So sind die Optiken nicht mit Shims unterfüttert, um dann halbwegs genau kollimmiert werden zu können, sondern werden über Feingewinde in eine 100% genaue Position gedreht und dann per Klemmung fixiert. Mir macht sowas in der Werkstatt extrem viel Spaß, denn ich kann die Kamera unter den Kollimator legen und dann einfach die Unendlichposition durch Drehen in die absolut perfekte Stellung bringen. Dazu dann noch die vorbildliche Justage des Suchersystems mit großen, feinfühligen Verstellwegen und Bilder mit maximaler Schärfe sind garantiert.

Werra 3
Das saubere und schnörkellose Design der Werra erinnert an Apples Designphilisophie.

Schärfe und Unschärfe

Carl Zeiss Tessar 2,8/50 steht auf meiner auswechelbaren Linse und was soll man eigentlich auch schon Anderes sagen, als: Besser gehts kaum. Ein Tessar ist und bleibt ein Garant für höchste Abbildungsleistung und dieses Exemplar macht da auch keine Ausnahme. Es ist schon fast müßig etwas über die Qualitäten der Tessare zu schreiben. Schärfe und Kontrast sind einfach umwerfend gut für die 1950er Jahre. Selbst bei Offenblende gibt es kaum Einbußen. Ich würde das 2.8er 50mm Tessar ganz kühn auf die gleiche Stufe wie das 2.8er Leica Elmar. Der Unschärfeverlauf ist gefällig und dank einer Naheinstellgrenze von 0,8m gelingen auch verträumte Portraits mit schönem Bokeh.

Bedienung

Auf der einen Seite liegt die Werra perfekt in der Hand, auf der anderen Seite gibt es Bedienelemente, die etwas fummelig in der Handhabung sind. Allerdings haben wir es mit einem durchdachten wie ent-komplizierten Design zu tun und da ist die eine oder andere Einschränkung in der Bedienbarkeit mehr als in Ordnung. Den Drehring zum Spannen und Transportieren halte ich persönlich für eine grandiose Lösung. Im Gegensatz zur Konica III/IIIa ist der Aufbau jedoch sehr simpel und damit wenig verschleißanfällig. In der Praxis funktioniert die Werra extrem gut, wenngleich die Koppelung von Blende und Zeit ohne EV-Skala etwas unausgereift wirkt.

Werra 3
Rustikale Technik durch und durch. Verglichen mit den feinmechanischen Wunderwerken aus Wetzlar oder den sehr intelligenten Konstruktionen aus Braunschweig, verwöhnt die Werra eher mit handfester Mechanik. Vorteil: Hier kann auch ein Grobmotoriker das Schrauben üben. Ich find‘s extrem gut!

Unterwegs / Handling

Mit ihren 537 Gramm inkl. dem 50mm Objektiv, ist die Werra 3 angenehm leicht aber dennoch gewichtig genug, um mit langsamen Zeiten aus der Hand auslösen zu können. Die Bedienung während der Aufnahmen gibt keine Rätsel auf. Blende und Zeit verstellen sich intuitiv und an die griffgünstig gelegene Entkoppelungstaste gewöhnt man sich sehr schnell. Fährt man mit Daumen und Zeigefinger am Objektiv entlang vorne, bleibt man ohne nachsehen zu müssen ganz automatisch an der Rändelung des Fokus hängen. Man braucht auch einen Fokustab, da der Rändelring durchgehend ist. Ein absolut vorbildliches Bedienkonzept. Bildzählwerk, Rückwandöffnung und Rückspulung sind hingegen nicht schön zu bedienen, aber das kommt ja nur 1x pro Film vor. Das Filmeinlegen selbst geht problemlos, wenngleich der enge Schlitz zum Einklemmen des Filmleaders in der Aufnahmespule schon etwas herausfordernd ist. Dank der kompakten Bauweise, vergeudet man nur wenig Film. Wenn ich mit dem Bobinquick 14 Bilder einspule, lassen sich 12 Bilder mit der Werra machen. Das ist eines der besten Ergebnisse von allen Kameras, die ich bisher in den Händen hatte.

Werra 3
Offen für andere Objektive. Ein 35mm (Flektogon) als auch ein 100mm (Cardinar) Objektiv konnte man neben dem 50mm an der WERRA III verwenden.

Objektivwechsel

Wechselbare Objektive sind ein echter Vorteil. Das ist auch einer der Gründe, warum ich so ein kleiner Fan der Agfa Ambi Silette bin. Besonders bei Zentralverschlüssen ist das durchaus eine Herausforderung für die Kamera- und vor allem für die Objektivkonstruktion. Technisch wie praktisch ist die Lösung der Werra mit dem Verriegelungsring sehr gut gelöst. Das gefällt mit deutlich besser, als die teilweise sehr umständlichen Bajonette anderer Hersteller. Man muss bei der Werra nur darauf achten, dass man die Blende nach dem Abnehmen des Objektivs nicht mehr verstellt, sonst wird es mehr als hakelig. Das gradlinige Ansetzen der Optiken ist aber hervorragend umgesetzt.

Werra 3
Das Tessar 2,8/50 ist über jeden Zweifel erhaben und sehr kompakt.

Zusammengefasst

Die Werra ist eine funktionale, gute Kamera, die man heute immer noch günstig bekommen kann und die sich leicht instand halten lässt. Ihr einzigartiges Design macht sie zu einer Ikone der Sucherkameras. Hätte man der Werra einen Mischbildentfernungsmesser spendiert, hätte sie das Potential zu einer meiner Favoriten gehabt. Eine tolle Kamera ist sie allemal.

Technisches Werra III

  • Schnittbild-Entfernungsmesser 0,8m bis Unendlich, ca. 0,8x vergrößernd
  • Basislänge 52mm
  • Zentralverschluss Synchro Compur 1/1 bis 1/500 und B
  • X und M Blitzsynchronisation
  • PC-Sync Anschluss
  • Vorlaufwerk ca. 8 Sekunden
  • Drahtauslöseranschluss
  • Tessar 1:2.8 50mm Standardobjektiv
  • Bildzählwerk bis 36 Aufnahmen
  • 537 Gramm Gewicht inkl. 50mm Objektiv
Spiegelselfie mit der Werra und dem Tessar 2.8 50mm auf Ilford FP4+ bei 250 ASA. Scan hier leider nur mit dem Werkstattscanner.
Werra 3
Zur Justage: Der Sucher der Werra macht nur Spaß, wenn er perfekt eingestellt ist. Weil es eben kein Mischbild, sondern ein Schnittbild ist, sind vertikale Abweichungen in der Praxis nicht tolerierbar. Während man die Entfernungskorrektur durch das geöffnete Filmfach einstellen kann, muss für die Vertikale die Deckkappe entfernt werden. Das geht ganz einfach: Man entfernt die 2 Gurtösen mit einem passenden Spannschlüssel. Die Deckkappe kann jetzt nach oben abgezogen werden. Die Kamera muss dabei flach auf dem Tisch liegen, mit dem Objektiv nach oben. Die Sucher-Gläser könnten sonst beim Herausfallen beschädigt werden. Die Justageschraube (oben mittig im Bild) stellt die Vertikale ein (im Uhrzeigersinn wandert der Meßfleck nach oben und umgekehrt). Wichtig: Den Sicherungslack erst sanft entfernen und mit einem perfekt passenden Schraubendreher arbeiten. Falls Ihr Euch für den Zusammenbau die Position der Metallfedern (die die Gläser gegen die Deckkappe drücken) nicht gemerkt habt: Die abgewinkelten Enden zeigen nach unten und die Wölbung immer in Richtung des Glases. Die große Klammer liegt oben auf dem Suchergehäuse. In der Deckkappe findet man einen passenden Abdruck. Vorsicht beim Aufschieben der Deckkappe.

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3 Kommentare

  1. Thomas 19. Juni 2023

    Schön, dass Du die Werra entdeckst hast. Ich habe mehrere davon und die Werra 3 finde ich auch die beste der Reihe. Die Werra matic mit eingebautem Belichtungsmesser ist für meinen Geschmack im Sucher überfrachtet.
    Meine ist ein späteres Modell mit dem Prestor-Verschluss, der 1/750 schaffen soll. Mit der Werra sind mir auch schon einige wirklich guter Porträts gelungen. Mit dem Tessar sowieso, das ist knackscharf und wirklich gut. Aber auch mit dem 100mm Cardinar. Es ließ sich sogar genau fokussieren, auch wenn das dann ziemlich frickelig wird.
    Das 35mm Flektogon ist ein schönes Objektiv. Leider gab es damals noch keine so platzsparenden Bauweisen wie ich es z.B. vom 35mm Zuiko W für die OM kenne. Aber auch damit lässt sich schön fotografieren.
    Auch wenn ich die Werra nicht mehr so oft verwende wie noch vor einiger Zeit, ist sie immer noch meine Lieblingskamera.

  2. Michael Leitenberger 2. September 2023

    Ja, sehr schön geschrieben.
    Die 3 ist mein Liebling. Ich habe mittlerweile 40 diverse Modelle, einige überholt in Görlitz. Darunter ein paar sehr seltene Modelle.
    Bietest Du auch einen Werra Service an? Wäre ja fast um die Ecke.
    Viele Grüße
    Michael

  3. Michael Heitmann 9. September 2023

    Hallo,

    schöner Bericht über eine Interesseante Kamera mit sehr schlichtem, aufgeräumten Design. Hat mich animiert mich jetzt mal ernsthaft umzusehen und meiner immer wieder gerne zur Hand genommenen Werra 1, wie schon länger im Auge gehabt, eine Werra 3 beiseite zu stellen.
    Im großen und ganzen, soweit für mich zu beurteilen, ist es ein Exemplar in guten Zustand geworden, aber mit den (über die Zeit) typischen Wehwehchen: schleichende/hängende lange Verschlußzeiten und der hintere Verschluß öffnet leider gar nicht.
    Würde die die Kamera gerne instand gesetzt wissen. Kannst Du mir ein CLA anbieten?

    VG
    Michael

    BTW: Mit der Canon P und Konica Auto S 1.6 die vor Zeiten bei Dir erworben habe bin ich sehr zufrieden 🙂

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