Ricoh 500 G

Eine Kamera mit vielen Talenten und einigen Tadeln. So könnte man die Ricoh 500 G zusammenfassend beschreiben. Sie gehört zu den Seventies Rangefindern – ihr Marktstart war 1972 – an die man nicht zuerst denkt, wenn es um ein kompaktes Messsucher Meisterwerk geht. Sie wird durchaus unter ihrem Wert gehandelt, was sicherlich schon daher rührt, dass sie „nur“ mit einem 40mm 1:2.8 ausgestattet ist. Etwas mehr als 1 Blende weniger Lichtstärke, als die 1.7er Bande jener Zeit, ist kein Beinbruch aber heute dämpft das schon den Haben-Wollen-Faktor.

Die kleine Linse ist in der Bildmitte sehr scharf und sorgt für hervorragende Kontraste, doch in den Randbereichen fällt die Schärfe bei Blenden von 4 oder weniger stark ab. Der Unschärfeverlauf bei Offenblende ist nicht harmonisch und mit einer Naheinstellgrenze, die in der Praxis bei 1m liegt (und nicht bei 0,9) ist sie keine Portaitkamera. Doch bevor es an die Details und Handling geht, kommen ersteinmal…

Die Fakten:

  • Objektiv Rikenon 40mm 1:2.8
  • Entfernungseinstellung 0,9m bis Unendlich
  • Kleinste Blende f16
  • Zentalverschluss, 1/8 bis 1/500 und B
  • Vorlaufwerk ca. 8 Sekunden
  • Blendenautomatik
  • Voll Manueller Modus
  • CdS Belichtungsmessung in A und M
  • Belichtungsmesser abschaltbar in B
  • Mischbildentfernungmesser mit Markierung für Parallaxenkorrektur
  • Anzeige des M Modus im Sucher
  • X-Sync über Mittenkontakt und Sync-Buchse
  • ASA 25 bis 800. Bis 200 in 1/3 Stufen, bis 400 in 1/2 Stufen bis 800 in 1/1 Stufen.
  • Selbstrückstellendes Bildzählwerk bis 36
  • Stativgewinde

Was bei dieser Auflistung sofort positiv auffallen sollte, sind die Features: Manueller Modus und Belichtungsmessung auch im manuellen Modus. Diese Funktion finden wir sonst nur in der Konica Auto S2 bzw. Revue Auto S22. Mit der Ricoh 500 G kann man also das volle Potential der manuellen Steuerung ausschöpfen und somit seine Bildwerke frei gestalten. Ist die Kamera im M Modus, wird im Sucher ein großes M angezeigt.

Der Sucher der Ricoh 500 G. Klein, aber hinreicht gut zu erkennen.

Das Meßsuchererlebnis der Ricoh ist mittelmäßig. Der Sucher ist zwar einigermaßen gut zu erkennen, aber recht klein. Die Erkennbarkeit des Meßflecks ist aber immer noch eine Spur besser, als beim Schlußlicht der Olympus 35 RD. Die Entfernungseinstellung erfolgt bei der Ricoh 500 G am vorderen Objektivtubus. Bei allen anderen Wettbewerbern ist dieser Teil aus Metall und starr befestigt. Bei der Ricoh finden wir dagegen ein etwas wackeliges Konstrukt aus Plastik.

Was bis hierhin vielleicht nachteilig erscheint, hat aber auch Vorteile. Die kleine 2.8er Linse mit ihren Bedienelementen ist sehr kompakt und leicht. Die Ricoh ist fast hostentaschentauglich.

Der Aufbau der Optik und der Kamera folgt dem Konica C35 Konzept. In einigen Teilen ist der mechanische Aufbau sogar identisch, daher darf man die Ricoh 500 G eventuell als Mitglied der Gang (aus Konica Auto S3, Minolta Hi-Matic 7sII, Revue 400 SE, etc.) betrachten. Allerdings gibt es auch eine Vielzahl von Dingen, die anders gelöst sind.

Die Ricoh 500 G von oben.

Die Chassis Konstruktion kommt ohne Top- und Bottom Cover aus und basiert auf einem rechteckigen Rahmen. Die Abdeckungen der Technik werden durch ein Front- und Back Cover dargestellt. Das rückwärtige Cover ist gleichzeitig auch das Filmfach. Dieses Bauweise ist eigentlich eine Katastrophe, denn es grenzt an ein Wunder, die Ricoh komplett lichtdicht zu bekommen.

Der Ricoh-GAU: Die komplette Rückwand dient als Filmtür. Das umfasst leider auch den Sucher.

Besonders der Bereich um den Sucher leidet an Lichtlecks. Bei meiner Ricoh habe ich auf einen hochdichten Neopren umgerüstet und unterhalb des Suchers auf der Chassis-Seite noch eine Zusatzdichtung eingeklebt. Damit ist sie zwar einigermaßen lichtdicht, lässt sich nun aber auch schwer schließen und öffnen. Diese Bauweise kann man auch meiner Sicht nur als Fehlkonstruktion bezeichnen. Die Rückseite der Ricoh 500 G sollte also nie dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt werden.

In der Handhabung ist die Kamera im Automatik Modus gut und leicht zu bedienen. Im Manuellen Modus hingegen braucht man Geduld und Finger in der Form von Pinzetten, um den Blendenring verstellen zu können. Hier wäre ein Tab sehr hilfreich gewesen. Diese unschöne Handhabung teilt sich die Ricoh mit der Olympus 35 RD. Anscheinend stand hier der Automatik-Knipser im Fokus der Entwickler (oder Marketingstrategen)

Der Rücken der Ricoh 500 G

Von allen bis hierhin aber angerissenen Kritikpunkten abgesehen, ist die Ricoh eine sehr ordentliche und kompakte Meßsucherkamera. Ihre Belichtungsmessung ist leicht mittenbetont und arbeitet verlässlich.

Ein gutes Feature ist auch das Abschalten des Belichtungsmessers, wenn man die Verschlusszeit auf B stellt. Auf diese Weise kann man die Kamera quasi abschalten und Batterie sparen, die bei der Ricoh im Ursprung eine 1,35V Quecksilberbatterie ist. Die Kamera lässt sich aber sehr gut auch mit 1,5V SR44 Batterien betreiben. Die Abweichung liegt bei 1-2 Blenden, allerdings ist die Blendensteuerung der Kamera im besten Fall auf eine Blende genau. Daher ergibt sich in der Praxis mit SW-Film kaum die Notwendigkeit, den Belichtungsmesser anzupassen. Die Ricoh verwendet i.d.R. einen Belichtungsmesser mit fest verlöteten Vorwiderständen, daher sind bei der Umrüstung Lötarbeiten erforderlich. In späteren Baujahren tauchen auch variable Widerstände auf, die sich justieren lassen.

Die Ricoh 500 G von unten.

Bei der Ricoh 500 G fällt es mir ein wenig schwer, eine Empfehlung auszusprechen. Sie hat durchaus tolle Funktionen an Bord, aber die Probleme mit der Lichtdichtigkeit und die eher mittelmäßige Optik sprechen nicht wirklich für die Kamera. Die Kamera hätte ganz bestimmt ihren Reiz, wenn es sie mit einem lichtstarken Objektiv gegeben hätte, was aber offenbar nicht das technische Konzept der Kamera gewesen ist. Der Objektivträger ist auf der Plattform eines Trägheitsverschlusses aufgebaut (nahezu identisch mit der Revue 400 S / Revue 700 EL), den diese Kamera aber nicht verwendet, sondern einfach einen umgedrehten Copalverschluss auf besagten Objektivträger setzt. Man hat bei Ricoh also aus 2 Plattformen (vergl. Revue 400 SE zu 400 S) eine Plattform gemacht. Das wirkt schon ein wenig so, wie mit Absicht in eine Sackgasse gefahren zu sein. Noch einfacher und plakativ gesagt: Die Optik und der Träger einer Revue 700 EL wurden um einen echten Verschluss mit separater Blende erweitert.

Nichtsdestotrotz ist die Ricoh 500 G eine Kamera, die ich gerne hin und wieder verwende und ich mag Designs, die sich von der Masse abheben. Für eine Sammlung ist die Ricoh 500 G daher eine ganz klare Empfehlung. Als Arbeitspferd für analoge Meßsucherjunkies gibt es deutlich bessere Kameras.

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