Aires 35 IIIc – die fast Leica

Das Design der Aires 35 IIIc aus dem Jahr 1958 spielt in weiten Teilen ganz unverblümt mit der Leica M3. Sie ist eine Meßsucherkamera, die in Größe und Gewicht sich kaum von einer Leica M Kamera unterscheidet, doch anders als das Vorbild aus Wetzlar, ist das Objektiv nicht wechselbar. Im Innenleben der Kamera enden dann die vermeintlichen Gemeinsamkeiten. Die Aires 35 IIIc ist technologisch gesehen für das Jahr 1958 weiter entwickelt, als die damalige M. Vor allem ist sie weiter gedacht. Ein beweglicher Leuchtrahmen zur Parallaxenkorrektur, eine Doppelbelichtungsfunktion, ein Softauslöser, ein EV Einstellring zur Koppelung von Blende und Verschluß und ein kurzer wie gleichsam leichtgängiger Spannhebel sind nur ein paar der Attribute, die die Aires ganz nach vorne bringen.

Den Bodendeckel könnte man irgendwo schonmal gesehen haben. Und ja: Er funktioniert auch noch genauso wie bei einer Leica M Kamera.

Der Bodendeckel der Aires dürfte wohl der Gipfel der Kopierwut gewesen sein und an dieser Stelle hat sich Aires nicht gerade mit Ruhm bekleckert, weil dieser Deckel zwar genauso aussieht wie bei der M und auch noch genauso funktioniert, doch leider keine logische Funktion besitzt, denn…

Ist der Bodendeckel weg, muss man eine “normale” Rückwand öffnen !?

… die Kamera hat eine normale Rückwand. Es gibt also keinen funktionalen Grund für den Leica Bodendeckel. Aber hübsch ist die Konstruktion allemal. Einen praktischen Vorteil hat das Ganze aber: Die Filmpatrone lässt sich sehr einfach entnehmen und einlegen und selbst die Leica-Patronen haben ausreichend platz. Ob das Verbauen von unnötigen Teilen für ein Unternehmen einen ökonomischen Sinn macht, wäre zu überlegen. Im Fall von Aires ist das aber überflüssig, da die Firma zu Beginn der Sechziger Jahre in den Konkurs gegangen ist. Das ist durchaus schade, aber vielleicht etwas nachvollziehbar.

Die Fakten

  • 45mm f1:1.9 H Coral Objektiv
  • Seikosha MXL Zentralverschluss
  • Verschlußzeiten 1s bis 1/500 Sek. und B, deutsche Teilung
  • EV gekoppelter Einstellring
  • Kleinste Blende f16
  • Fokuseinstellung von 0,75m bis Unendlich
  • Softrelease
  • Einfachaufzug mit kurzem Weg
  • Doppelbelichtungssperre
  • Aktivierbare Doppelbelichtungsfunktion
  • Vorlaufwerk ca. 10 Sekunden
  • Mischbildentfernungsmesser mit großer Basis, 0,7x
  • Leuchtrahmen mit Parallaxenkorrektur
  • Rückspulkurbel mit Getriebe
  • Bildzählwerk mit automatischer Rückstellung
  • Synchronbuchse mit 3 Modi: X, F, M
  • Zubehörschuh
  • Anschluss für Drahtauslöser
  • Stativgewinde
Der Sucher der Aires 35 IIIc

Bei einer Meßsucherkamera ist das wichtigste der Meßsucher selbst. Bei der Aires 35 IIIc hat der Sucher eine Vergrößerung von 0,7 fach. Er ist herausragend gut zu erkennen. Der Meßfleck ist sehr kontrastreich, scharf und auch noch bei Dunkelheit zu erkennen. Das Sucherfenster ist weit geschnitten und erlaubt es auch Brillenträgern den gesamten Leuchtrahmen zu sehen. Das ist vorbildlich. Dank der großen Meßsucherbasis ist das Fokussieren ein Traum und sehr exakt. Dazu trägt auch der große Verstellweg am Objektiv bei. Der Hebel legt mehr als eine viertel Umdrehung an Weg zurück und ist dazu noch sehr griffgünstig an der Unterseite des Objektives platziert.

Wo wir beim Meßsucher sind: Im Netz geistern sehr fantasievolle Anleitungen zur Justage des Meßsuchers der Aires herum. Sie sind allesamt Unfug. Man muss die Aires nicht zerlegen, um den Sucher zu justieren. Für die Entfernungseinstellung befindet sich die Stellschraube hinter dem Schraubverschluss unter der linken unteren Ecke des vorderen Sucherfensters. Die Vertikale wird justiert, in dem man die Abdeckung des Zubehörschuhs entfernt. Dahinter findet man eine Messingschraube, die leicht gelöst wird. Man kann nun den gelochten Ring, der die Fassung der Projektionslinse darstellt, drehen (aber nur leicht!). Nach der Justage wird die Messingschraube wieder angezogen. Fertig.

Die Meßsucherkonstruktion ist aufwändig und dürfte in der Produktion viel Zeit gekostet haben. Um so schöner ist sie heutzutage anzusehen. Es gibt mehrere Ebenen der Grob- und Feinjustage und der Leuchtrahmen wird über einen Seilzug bewegt (und nicht mit einem Hebel, wie bei anderen Kameras dieser Zeit).

Für das Meßsuchererlebnis bekommt die Aires 35 IIIc eine glatte 1.

Ein Schwergewicht: 824g bringt die Aires 35 IIIc auf die Waage.

Mit 824 Gramm ist die Aires nicht gerade leicht und wiegt damit genauso viel wie die Konica IIIa. Mit der Konica IIIa, die ebenfalls im Jahr 1958 erschienen ist, teilt sich die Aires den Seikosha MXL Verschluß. Bei beiden Kameras ist daher der Objektivaufbau nahezu gleich. Die Verschlußeinheit selbst ist absolut identisch und daher lässt sich die Aires 35 IIIc mit Teilen der Konica IIIa reparieren (und umgekehrt).

Das Auge der Aires 35 IIIc.

Das Objektiv ist scharf. In jeder Hinsicht und nicht nur weil es scharf aussieht, es bildet auch noch scharf ab. Es ist in der Abbildungsleistung über jeden Zweifel erhaben. Ein kleines Manko hat es aber: Die Vergütung ist nicht sonderlich fortgeschritten. Reflektionen und Geisterbilder können bei Gegen- und Seitenlicht schnell auftreten und der Kontrast leidet dann merklich.

Die Handhabung der Kamera ist hervorragend. Sie liegt gut und ergonomisch in der Hand und macht auch bei längeren Fototouren spaß. Alle Bedienelemente sind gut platziert und damit auch gut zu bedienen. Besonders schön ist die Funktion des EV Einstellringes. Dieses grundlegende Feature teilt sie mit der Konica IIIa. Bei der Konica ist Blende und Verschluss fest verkuppelt und zum Verstellen der EV Werte, muss der EV Ring nach hinten gezogen und gehalten werden, um die Koppelung aufzuheben. Das nervt sehr schnell und die meisten Konica IIIa Besitzer lassen sich die Koppelung ausbauen. Nicht so bei der Aires 35 IIIc. Hier koppelt sich der EV Ring per Friktion an die Blende. Die Koppelung ist nur dann starr, wenn man nur den Zeitenring dreht. Ein Drehen nur an der Blende verschiebt die EV Skala. Das ist eine perfekte Lösung und macht in der Praxis richtig Freude. Für den Sunny 16 Fotografen ist das die Offenbarung 🙂

R <-> D – Reverse and Double. Rückspulmodus und Doppelbelichtung bei der Aires 35 IIIc

Ein nettes Feature ist der Modus für Doppelbelichtungen. Dazu gibt es am Rückspulschalter die Einstellung D. Bevor man den Filmtransport betätigt, legt man den Schalter auf D und zieht dann die Kamera auf. Es wird jetzt nur der Verschluss gespannt und der Transport läuft nicht mit. Am Ende des Spannvorganges, schnappt der Hebel von D zurück in die Mittelstellung. Das Spiel kann man endlos wiederholen.

Die Aires 35 IIIc ist ein schönes Beispiel für die hohe Kunst des Kamerabaus im Japan der Fünfziger Jahre. Es ist aber sehr schwierig eine funktionsfähige Kamera zu bekommen. Es gibt einige Stellen an der Aires, die sich im Laufe der Zeit festsetzen. Man muss leider zu fast 100% damit rechnen, dass der Verschluß nicht korrekt auslöst, oder sogar ganz blockiert ist. Es gibt 2 Alarmsignale, die man unbedingt beachten sollte:

  • Der Blitzsynchronmodus lässt sich nicht schalten
  • Der Verschluss öffnet sich am Ende des Transportvorganges und schließt gleich wieder

Bei diesen 2 Problemen darf die Kamera nicht weiter bedient werden und es darf auf keinen Fall Gewalt angewendet werden, um den Synchronring zu drehen. Ebenfalls darf nicht durch andauerndes Aufziehen probiert werden, ob die Kamera nicht doch normal auslöst. In diesem Zustand ist jegliches Bewegen des Verschlusses eine Garantie für das Zerstören der Mechanik. Möglicherweise kombinieren sich die beiden Probleme mit einem verklebten Verschluß, dessen Lamellen sich nicht bewegen. In diesem Fall wird es noch schlimmer, weil man nicht sehen kann, was man der Kamera gerade antut. Ich kann nur dazu raten eine Aires 35 IIIc, die nicht funktioniert in Ruhe zu lassen, bis sich ein Fachmann darum kümmert. Das typische Problem, was sich in den 2 Alarmsignalen äußert ist nämlich vergleichsweise einfach zu reparieren, bzw. zu warten. Allerdings hilft die Wartung nur, wenn die Mechanik nicht bereits beschädigt wurde. Ein konstruktorischer Vorteil des Seikosha MXL ist sein selbsttragendes Chassis. Nach dem Entfernen der Frontlinse und des Zeitenringes, wird der gesamte Verschluß nur noch vom Sicherungsring an der Rücklinse gehalten. Es brauch und darf also keine einzige Schraube gelöst werden, wenn man den Verschluss zur Wartung ausbauen will. Das Hauptproblem einer alten Aires 35 IIIc ist der Verschlußauslösehebel an der Rückseite des Verschlusses. Hier ist im Laufe der Jahre Fett aus dem Objektivtrieb hineingelaufen und verklebt diesen Hebel. In der Konsequenz schafft es die Feder nicht mehr den Hebel nach dem Auslösen zurückzuziehen. Der Hebel blockiert nun den Freigabehebel am Verschlussaufzug. In diesem Zustand darf der Aufzug nicht mehr bedient werden. Der Verschlußhebel lässt sich nach dem Ausbau sehr gut reinigen und etwas ölen. Danach erwacht die Aires 35 IIIc zu ganz neuem Leben.

Wer also auf der Suche nach einer Aires 35 IIIc ist, sollte sich vom Verkäufer die Funktionsfähigkeit versichern lassen. Am besten sollte man die Kamera vorher ausprobieren, denn die Kamera ist ein Musterbeispiel für eine leise und geschmeidige Arbeitsweise. Alles an der Aires muss butterweich und leise funktionieren. Ist das nicht der Fall, braucht die Kamera dringend eine Wartung. Wegen der komplizierten Konstruktion darf ein trockener und ruppiger Seikosha MXL absolut nicht verwendet werden.

Zurückspulen Deluxe. Die Rückspulkurbel an der Aires 35 IIIc. Schmiegt sich formschlüssig in das Gehäuse und kommt mit einem geschmeidigen Getriebeantrieb daher.

In Deutschland ist die Aires 35 IIIc sehr selten. Mehr Glück hat man in der Regel direkt in Japan. Dabei gelten natürlich wieder die Vorsichtsregeln für Japanische Zustandsbeschreibungen. Die Kamera sollte als “Mint” angeboten werden und die volle Funktionsfähigkeit muß zugesichert sein. Das japanische “Excellent” bedeutet eigentlich nur, das die Kamera irgendwie existiert und vielleicht noch nett aussieht. Mehr nicht!

Zusammenfassung

Die Aires 35 IIIc aus dem Jahr 1958 ist eine tolle Meßsucherkamera mit einem hervorragenden Meßsucher, ebenso hervorragenden Objektiv und mit einem mustergültigen Handling. Auch wenn sie versucht das Leica M Design zu kopieren, so ist sie trotzdem eine eigenständige und technisch für die Zeit weit entwickelte Kamera. Ein Musst-Have für jeden Rangefinder Enthusiasten.

Die Aires 35 IIIc ist jederzeit im Service willkommen und kann umfassend repariert oder restauriert werden. Teile und Know How für diesen Kameratyp sind vorhanden 🙂

Aires 35 IIIc an der Naheinstellgrenze und Blende 2,8 auf Ilford FP4+ ASA250 (Sunny16)
Aires 35 IIIc bei Blende 5,6 auf Ilford FP4+ Pushentwicklung (250 ASA) in XTOL.

Scans mit dem Plustek 8200i von Negativ.

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