Canon Model 7

Es ist September 1961. Die Leica M3 ist seit 7 Jahren auf dem Markt und die Kamerawelt dreht sich langsam aber sicher hin zu Spiegelreflexkameras. Nikon hat schon 1959 die Meßsucherära beendet und baut keine M39 Kameras mehr. Im Gegensatz zu den Vorkriegsleicas, gibt es für die M wieder einen wirksamen Patentschutz und so bleibt den ehemaligen Leicakopieren nichts anderes übrig, als weiter M39 Gehäuse zu bauen, oder auf Kameras mit Klappspiegel zu setzen. In genau dieser Zeit, wo es also scheint, als würde eine neue M39-Kamera keinen Sinn mehr machen, geht Canons neues Meßsucher Flagschiff – das Modell 7 – in den Handel. Und anders als es manche heute immer noch gerne behaupten, ist diese Canon absolut keine Leica Kopie. Die Canon Model 7 ist nach der Leica M3 die erste echte Innovation im Meßsuchersegment. Ein Schnäppchen war die 7 – wie Canon sie nennt – nicht. Zusammen mit dem 50/1.4 Objektiv, kostete sie beim Verkaufsstart 1961 den Betrag von 47.500 Yen. In damalige Deutsche Mark umgerechnet, waren das 528,- DM. Rechnet man jetzt noch die Inflation und Kaufkraftentwicklung seit 1961 ein und die Umrechnung in Euro, dann ergeben sich daraus ca. 1100,- Euro. Ein stolzer Preis für eine exzellente Kamera-Objektiv Kombination.

Canon Model 7 – 1961

Wenn man Kameras die meiste Zeit in Einzelteilen sieht, gewinnt man tiefere Einblicke in die Konstruktion, als das, was man von aussen sehen kann und so kann ich viele Berichte über die Canon 7 nicht bestätigen und das fängt beim Meßsucher an. Da kann man anderswo lesen, der Meßsucher sei der komplizierteste, den es je gegeben hat und er sei komplizierter, als der der M3. Das stimmt absolut nicht. Der Meßsucher ist sehr gut, aber er ist deutlich weniger aufwändig gebaut, als eben der einer M3. Sicher: Wirft man einen Blick auf den Meßsucher, erscheint er massiv und kompliziert, doch besteht er aus deutlich weniger Komponenten. Canon hat hier ein kleines Meisterstück abgeliefert, denn diese Konstruktion ist sehr intelligent. Der Messucherspiegel ist ein einfacher Oberflächenspiegel, der vom Meßsucherarm bewegt wird. Speziell ist dann aber der weitere Weg des Lichtes, da der Spiegel auf einen Strahlenteiler im Sucher trifft, aber vorher nicht mit dem Leuchtrahmen kombiniert ist. Der Leuchtrahmen wird über einen separaten Strahlengang mittels Prisma hinter dem Strahlenteiler in den Sucher gelenkt. Genau betrachtet ist das eine ökonomische Lösung, weil Canon damit mit 2/3 der Reflektionsflächen nahezu das gleiche Erreicht, wie die M3. Allerdings sind im Sucher dafür eben 2 Reflektionsebenen vorhanden, die gleichermaßen bekannt für Spiegelungen sind. Der verstellbare Leuchtrahmen ist eine sehr pfiffige Lösung, da hier lediglich Folien in einer seitlichen Bewegung über das Fenster gezogen werden.

Blick durch der Sucher der Canon Model 7 mit 50mm Leuchtrahmen

Der Meßsucher selbst ist gut, hervorragend sichtbar (selbst bei Dunkelheit) und hat eine 0,8x Vergrößerung, um die Hilfslinien für 35mm unterzubringen. In Helligkeit und Kontrast kann er durchaus mit einer Leica mithalten (sofern er wirklich sauber ist). Am meisten stören mich persönlich die Geisterbilder, die sich je nach Lichteinfall nicht vermeiden lassen. Aber dennoch: Der Meßsucher ist sehr gut. Durch seine lange effektive Basis von 47,2mm lassen sich auch lichtstarke Objektive zuverlässig fokussieren.

Canon Model 7 von oben

Die Canon 7 liegt nicht ganz so gefällig in der Hand, wie die Leica M3. Etwas störend sind aus meiner Sicht die Gurtösen, da sie genau im Bereich der Zeigefinger angebracht sind. Nichtsdestotrotz: Die 7 ist massiv und hochwertig. Sie steht in der Haptik und Verarbeitung (oberflächlich betrachtet) einer Leica M in nichts nach. Unter dem Blech sieht es dann schon etwas anders aus. Wo bei einer Leica bis in die kleinste Ecke ein besonderes Maß an Perfektion zu sehen ist, erlaubt sich die Canon eine gewisse Einfachheit. Das ist aber nicht verkehrt, denn wer guckt schon den ganzen Tag auf die Innereien seiner Kamera? 

Die Anzeige des Belichtungsmessers der Canon 7

Die Canon 7 hat einen eingebauten Belichtungsmesser und distanziert sich damit positiv von der Leica. Angetrieben von 2 Selenzellen befeuert sie ein Galvanometer. Im hochempfindlichen Modus zwischen 6 und 12 EV sind die zwei Zellen zusammengeschaltet, während im weniger empfindlichen Modus zwischen 13 und 19 EV nur eine der beiden Zellen geschaltet ist. Praktisch hat man aber unter 7EV keine reelle Chance, eine brauchbare Messung zu bekommen. Hier fordert die Selenzellentechnik ihren Tribut. Der Meßnadel angelagert ist eine Blendenskala, die an die Verschlusszeit gekoppelt ist. Hier schlummert ein Riesenproblem mit gebrauchten Kameras, die schonmal zur Reinigung geöffnet wurden: Die Stellung des Zeitenrades und des innenliegenden Zahnrades bestimmen die Stellung von Blendenskala zu Verschlusszeit. Zum Entfernen des Topcovers, muss das Zeitenwahlrad entfernt werden. Wer sich jetzt nicht gemerkt hat, in welcher Position die Teile zusammengehören, der hat den Belichtungsmesser unbrauchbar gemacht. Aber Entwarnung: Man kann das selbstverständlich neu einjustieren und dabei auch noch Ungenauigkeiten der gealterten Selenzelle kompensieren. Man kann sich merken: Schlägt die Nadel noch voll aus, kann man den Belichtungsmesser wieder voll Einsatzbereit machen.

Die Wahl des Leuchramens

Der Belichtungsmesser selbst sollte aber nur als grobes Schätzwerkzeug verstanden werden, ist jedoch in der Praxis sehr gut zu gebrauchen. Bei Gegenlichtsituationen muss man nach eigenem Ermessen 1-2 Blenden mehr Licht ins Bild lassen, um den Vordergrund gut zu belichten. Bei viel Licht überhalb von EV 12 neigt die Messung dazu ca. 2/3 Blenden zu wenig zu empfehlen. Das ist jetzt nicht wirklich praxisrelevant, denn diese Beobachtungen stammen aus einer Meßsreihe in meiner Werkstatt und für das Fotografieren draußen ist die Messung hinreichend genau.

Die Canon 7 von unten

Wo bei der Canon 7 die Anzeige des Lichtmessers thront, fehlt folgerichtig der Zubehörschuh. Einen solchen hat die Kamera überhaupt nicht. Eine Blitzschiene oder ein spezielles Canon-Zubehör sind also Pflicht für die Blitzfotografie. Die Canon 7 ist mit einer Synchronbuchse ausgestattet und kann auf ziemlich subtile Weise alle Arten von Blitzen synchronisieren. Für Elektronenblitze wählt man dazu die Stellung X auf dem Zeitenwahlrad. Für Blitzbirnen schaltet man in den Bereich B bis 1/30. 

Canon Model 7 mit 50mm 1:1.4

Als Verschlusszeiten können alle Zeiten zwischen 1/1 und 1/1000 in internationaler Teilung verwendet werden. Neben dem klassischen B Modus, wo der Verschluss so lange geöffnet ist, wie man den Auslöser gedrückt hält, gibt es bei der Canon 7 einer T Modus. Das ist für Langzeitbelichtungen sehr praktisch, denn nach dem Öffnen des Verschlusses in T, kann man den Auslöser loslassen. Erst wenn man den Transporthebel leicht antippt, schliesst sich der Verschluss wieder. Man braucht also keinen Drahtauslöser mit Feststellschraube, sondern kann einfach so und ohne Zubehör Langzeitaufnahmen machen.

Wer sich selbst fotografieren möchte, der findet an der Vorderseite der Kamera ein Vorlaufwerk, das ca. 10 Sekunden läuft, bevor es auslöst. Gestartet wird der Vorlauf nach dem Aufzug durch den normalen Auslöser. Man muss also keinen kleinen separaten Knopf drücken, wie bei der Leica M3.

A, Sperre und R bei der Canon 7

Der Kragen um den Auslöseknopf hält noch ein paar Features parat, die bei der M3 ebenfalls nicht zu finden sind: Eine Auslösesperre und die Rückspulfunktion. Einfach elegant gelöst. Ein Bildzählwerk informiert über bis zu 40 Bilder und ein kleiner rotierenden Indikator zeigt an, ob sich die Aufnahmespule dreht. Das ist eine sehr sinnvolle Funktion zum Prüfen, ob der Film wirklich transportiert wird, und wann beim Zurückspulen der Film aus der Aufnahmespule herausgezogen wurde. Leider ist die Canon 7 eine Falschwicklerin. Damit meine ich eine Kamera, die den Film entgegen der Wickelrichtung in der Filmpatrone aufspult. Das ist immer dann hinderlich, wenn man den frisch belichteten Film ohne Verzögerung selbst entwicklen will, denn die falsch gewickelten Filme gehen nur störrisch in den Entwicklungstank.

Die Canon 7 nimmt Objektive mit Leica M39 Schraubgewinde auf und kann daher mit allen Objektiven verwendet werden, die es für diese Fassung je gegeben hat. Dazu gesellt sich aber noch ein weiteres Objektiv aus dem Hause Canon: Das 50mm F0.95. Eine wahnwitzige Lichtstärke – besonders damals – mit einer ebenso wahnwitzigen Größe. Um diese riesigen Linse aufzunehmen, hat die Kamera ein Aussenbajonet um die M39 Fassung und das unten abgeschrägte Fenster für die Selenmesszelle. Im Canon Programm gab es seinerzeit Objektive von 28 bis 200 mm. Für den Bereich 35 bis 135mm kann die Canon 7 entsprechende Leuchtrahmen im Sucher anzeigen. Diese Leuchtrahmen werden mit einem Drehschalter auf der Oberseite eingestellt. Es wird nicht nur der Rahmen selbst, sondern auch die dazugehörige Brennweite im Sucher dargestellt.

Für Brillenträger ist der Sucher nicht ganz optimal. Die 50mm Markierungen sind noch einigermaßen gut zu erkennen, aber der 35mm Rahmen ist mit Brille nicht zu sehen.

Der Metall-Schlitzverschluss der Canon 7

Die Kamera in der Hand zu halten ist die eine Sache. Wo sich aber die Spreu vom Weizen trennt, ist der Moment, wenn man den Aufzug betätigt und auslöst. Hier hat die Leica M3 in puncto Geschmeidigkeit und Verschlussgeräusch die Messlatte extrem hoch gehängt. Und die Canon Model 7? Sie springt locker über die Messlatte und liegt mit der M3 gleichauf. Ein seidenweicher Filmtransport wird von einem sonoren Verschlussablauf abgeschlossen. Die Canon 7 verwendet keine Verschlusstücher aus Stoff, wie es vor und nach ihr lange üblich war. Sie gönnt sich Verschlusstücher aus Metallfolie. Diese Folie neigt zwar dazu im laufe der Zeit mehr oder weniger Knicke zu bilden, ist aber nahezu unzerstörbar. Über Lichtecks durch verschlissenen Stoff, muss man sich der der Canon 7 keine Gedanken mache. Übrigens: Die Knicke in der Folie sehen ggf. spektakulär aus, sind aber vollkommen unbedenklich für die Funktion des Verschlusses.

Die Kamera wiegt nur 640 Gramm und Canonlinsen sind nicht die schwersten, sodass die hervorragende Kombination aus Canon Model 7 und Canon LTM 50mm 1:1.4 + 36er Film gerade einmal 827 Gramm auf die Waage bringt. Sicher ist das nicht wirklich leicht, aber immer noch angenehm in der Hand zu halten. Die Kamera ist relativ gut ausbalanciert und neigt nur mässig zum Kippen. Wer schonmal versucht hat, eine Konica IIIa abzustellen, ohne dass sie auf das Objektiv kippt, der weiß, was ich meine 😉

Richtig gutes Glas: Das 50mm f1:1.4

Canon hat in Summe eine exzellente Meßsucherkamera gebaut. Eine Kamera, die ohne jede Frage ein funktionelles Upgrade zu einer M3 ist. Inwieweit einen die Canon emotional erreicht, bleibt jedem selbst überlassen. Bei der Wahl zwischen M3 und Canon 7 müsste ich nicht lange überlegen.

Die Fakten:

  • Metall Schlitzverschluss
  • Verschlusszeiten 1/1 bis 1/1000, B, T und X
  • Vorlaufwerk 10 Sekunden
  • Eingebauter Belichtungsmesser mit Koppelung an die Verschlusszeit und ASA (6-19EV)
  • Mischbildentfernungmesser mit 0,8x Vergrösserung, Effektive Basis 47,2mm
  • Leuchtrahmen für 35, 50, 85, 100 und 135mm Objektiven mit Parallaxenkorrektur
  • FP und MX Blitzsynchronisation
  • Selbstrückstellender Bildzähler
  • M39 LTM Gewindeanschluss für Objektive
  • Stativgewinde
Matz Canon Model 7
Obligatorisch – Selfie im Spiegel mit der Canon Model 7

Zu Beachten:

Der Belichtungsmesser wird über 2 Selenzellen mit Strom versorgt. Selenzellen können oxidieren und unbrauchbar werden. Es gibt daher keine Garantie dafür, dass diese Zellen heute noch korrekt arbeiten. Dringt keine Feuchtigkeit in die Zelle, kann sie auch heute noch problemlos funktionieren. Die Blendenempfehlung ist mechanisch kalibriert und kann bei Abweichungen ohne weiteres korrigiert werden. Also: Nur weil der Belichtungsmesser nicht das Richtige anzeigt, heisst das nicht, dass er verloren ist. Wenn die Selenzellen schon etwas verbraucht sind, aber noch einigermaßen anzeigen, kann man durch Umbau auf einen anderen Vorwiderstand und eine entsprechende neue Kalibrierung die Funktionsfähigkeit wieder vollständig herstellen.

Das vordere Sucherfenster hat keine Schutzscheibe, d.h. das Prisma liegt nach aussen frei. Man sollte daher durchaus vorsichtig sein, denn jede Beschädigung des vorderen Suchers ist eine direkte Beschädigung des verkitteten Prismas. Der hintere Sucherausgang ist durch eine Scheibe geschützt.

Die Canon 7 ist anfällig für Korrosion. Durch ihre hohe Bauteildichte, die exakte Verarbeitung und den daraus resultierenden sehr engen Spalten, gibt es diverse Stellen an denen sich Feuchtigkeitsnester bilden und von denen sich dann Korrosion ausbreitet. Eine Stelle betrifft dabei das hintere Okular, was zu einem Schleier im Sucher führt. Dieser Schleier ist kaum sichtbar, aber einer der Hauptgründe für die Geisterbilder unter denen die 7 gerne leidet. Die Kamera sollte in regelmässigen Abständen geöffnet und getrocknet bzw. gereinigt werden. Ein CLA ist beim Model 7 alle 2 Jahre zu empfehlen. 

Der Meßsucher wird über 2 Stellen justiert. Die Entfernung wird wie bei einer Leica über die hinter der Zierschraube liegende Stellschraube links neben dem vorderen Sucherfenster eingestellt. Man sollte diese Einstellung nur dann durchführen, wenn man die Unendlichstellung der Optik wirklich prüfen kann. Die Einstellung der Vertikalen befindet sich unter der Zierschraube oberhalb des Zeitenwahlrades. Die Einstellschraube liegt aber nicht sauber in einer Flucht mit der Öffnung. Man darf nicht mit einem Schraubenzieher auf gut Glück in der Öffnung herumstochern! Es besteht die Gefahr dabei den Meßsucherspiegel zu beschädigen! Es muss unbedingt ein 2mm Schraubendreher (grün) verwendet werden, keinesfalls ein kleinerer, da die Messingschraube sehr weich ist und mit Sicherungslack fixiert wurde. Die Verschlusszeit muss auf mehr als 1/30 Sek. eingestellt sein und die Stellschraube liegt etwas zum Zeitenwahlrad nach unten versetzt hinter der Öffnung. Die Verstellung ist nur ganz minimal und muss mit viel Gefühl gemacht werden. Ohne das richtige Werkzeug und ohne etwas Knowhow sollte der Meßsucher der 7 nicht selbst eingestellt werden. Ich habe leider schon zu viele DIY Resultate gesehen.

Canon 7 im Canon Kameramuseum: https://global.canon/en/c-museum/product/film42.html

One Comment

  1. Hallo und vielen Dank für den schönen Review der Kamera.
    Ich habe noch eine Canon 7sz, (Canon 7s Modell 2) diese hat wie die 7s Modelle (Modell 1) bereits den neuen Belichtungsmesser der mit Batterie und Photowiderstand arbeitet. Dieser ist von der Alterung nicht so stark betrofen wie die Selenzellen. Allerdings benötigt dieser eine 1,35V Quecksilber Batterie die nicht mehr erhältlicht ist. Mittels Adapter können hier aber auch z.B. Hörgerätebatterien verwendet werden, die nur eine geringe Spannungsabweichung zur originalen Batterie haben. Angeblich soll auch der Sucher der 7sz verbessert gegen die Geisterbilder sein.
    Viele Grüße
    Andreas

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