Leica M6

Die meisten Meßsucherkameras datieren in eine Zeit vor meiner eigenen Zeit zurück – zumindest, was die aktive Fotografiekarriere angeht. Bei der Leica M6 ist das etwas anderes. Sie erschien zu einer Zeit, als ich als junger Kerl meine ersten Erfahrungen in der Dunkelkammer der Foto AG machen durfte. Dieser Beitrag wird also eher emotional als fachlich.

Ich und eine Leica? Niemals.

So etwas in der Art war der Gedanke, als ich vor 35 Jahren (so ungefähr) die M6 in der Auslage eines Fotogeschäftes gesehen habe. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass jene Leica M6 mit Objektiv 4200,- DM kosten sollte. Für diesen aberwitzigen Betrag, hätte man auch eine komplette Hightech-SLR Ausrüstung bekommen, aber der Leica Kunde scheint sich lieber für extrem viel Geld, extrem wenig zu kaufen 😉 (Achtung: Selbstironie) Ich will gar nicht erst hochrechnen, wie lange ich mein Taschengeld hätte sparen müssen. Also: Leica? Niemals.

Leica M6 Voigtländer Nokton 35 1.4
Leica M6 – Baujahr 1987 – Damals mit ca. 3000,- DM deutlich außerhalb meines Budgets als gerade Volljähriger.

Leica? Jederzeit!

Überspringen wir doch einfach mal ein paar Jahrzehnte und landen in der Gegenwart (Februar 2020). Das Taschengeld ist nun lange genug gespart und der junge Kerl alt genug für das „Wenige“ geworden. Als begeisterter Meßsucherfotograf führt einfach kein Weg an der Leica vorbei. Und wenn es einen modernen Klassiker unter den Meßsuchern gibt, dann die Leica M6. Die Formensprache hat die M6 über die M4 von der M3 geerbt und wurde glücklicherweise nicht von ihrer Vorgängerin, der M5, abgeleitet. Wenn man das Meßsuchererlebnis richtig erfahren möchte, dennoch eine mechanische Kamera – aber bitte mit Belichtungsmessung – haben will, die auf Film fotografiert, dann gibt es entweder die M6, oder die aktuelle MP. 

Die Form folgt der Funktion.

Das Design des Leica M Gehäuses ist direkt aus der Funktion abgeleitet und folgt herrlich logisch der Anordnung aller Baugruppen im Inneren. Eine Filmpatrone ist rund, genau wie die Aufnahmespule und daher ist auch das Gehäuse an den Seiten rund. Das macht eigentlich Sinn, oder? Dieses zeitlose Design lässt sich wie keine andere Kamera in der Hand halten. 

Leica M6 Reflektionsfläche
Die M6 – Eine M4-P mit TTL-Belichtungsmessung

Warum die M6?

Das ist eine relativ einfach zu beantwortende Frage (für mich). Obwohl die M5 eine deutlich bessere Kamera gewesen ist, als die M4 und auch schon die Belichtungsmessung eingeführt hatte, ist für mich das einzig wahre und ästhetische Design das der M3, was die M6 auf moderne Art fortführt. Und bei aller Begeisterung für die Sunny 16 Regel, weiß ich eine Belichtungsmessung in der Kamera sehr zu schätzen. Das ist auch ein Grund, warum ich ein absoluter Fan der Leica CL bin.

Leica M6 ISO
ISO Einstellung bei der Leica M6

Handling

Die Leica M6 ist im Grunde nur eine Leica M4-P und als Erbin der Leica M3 hat sie genau dieses unvergleichliche Bediengefühl wie eben alle Leica M (außer der M5). Durch die Rundungen liegt sie perfekt in der Hand und reduziert sich auf das Essentielle der Fotografie. Selbst die Belichtungsmessung ist unaufdringlich im Hintergrund. Nur durch 2 Leuchtdioden im Sucher zeigt die M6 das Belichtungsniveau an. Nicht mehr und nicht weniger. Der Film lässt sich mit dem Dreizack ohne Mühe und schnell einlegen und ebenso schnell wieder entnehmen.

Meßsucher mal 0,72

Mit seiner Vergrößerung von 0,72x kann der Sucher der Leica M6 Rahmenlinien von 28mm bis 135mm anzeigen. Der Rahmen für 35mm – meine Lieblingsbrennweite – ist bequem selbst mit Brille perfekt zu erkennen und wie wir das von einem Leica Meßsucher erwarten, ist die Erkennbarkeit des Meßflecks einfach grandios. Für das Meßsuchererlebnis bekommt die M6 eine 1+.

Leica M6 Batterie
Stromversorgung, dafür kein Vorlaufwerk mehr. Batteriefach der Leica M6

Mit dem Strom

Mit dem Strom schwimmt die Leica M6 ganz sicher nicht, will aber mit dem Strom ihren Belichtungsmesser am Leben halten. An der Stelle, wo bei der M4 das Vorlaufwerk platziert war, beherbergt die M6 eine Batteriefach für entweder 2 SR44 Batterien oder eine 1/3N Batterie. Durch die Stellung B am Zeitenwahlrad, wird der Stromkreis komplett unterbrochen und die Messung ist komplett abgeschaltet. Das kann Batterie sparen.

Leica M6 Kofferraum
Der Blick in den Kofferraum.

Der Hype

Es ist schon fast absurd, dass eine sehr gut erhaltene aber gebrauchte Leica M6 heute mehr kostet, als eine neue Kamera bei ihrer Markteinführung. Wir wollen irgendwie alle eine M6 – ich auch – und das hat aus der Kamera eine Wertanlage gemacht. Schaut man sich die Preisentwicklung der letzen 10 Jahre an, dann lohnt es sich quasi immer eine M6 zu kaufen und ein paar Jahre mindestens liegen zu lassen. Die Rendite ist eindeutig besser, als bei einer Sparanlage. Doch entgegen aller Vernunft: Für eine M6 würde ich sofort jede meiner Meßsucherkameras eintauschen.

Leica M6 (hinten)
Leica M6 – Rückansicht

Was gibt es zu beachten?

Da die Nachfrage größer als das Angebot geworden ist, sinkt bei vielen die Hemmschwelle dahin, auch weniger gut erhaltene M6 für viel Geld zu kaufen. Die Leica M6 ist eine mechanische Kamera und unterliegt zum einen einem gewissen Verschleiß und muss zum anderen in plausiblen Abständen gewartet und vor allem justiert werden. Was hier für alle anderen M Kameras gilt, trifft natürlich auch auf die M6 zu. Vor einem Kauf sollte geprüft werden, ob Verschluss und Messsucher korrekt justiert sind und auch korrekt funktionieren. Außerdem sollte der Zustand der Reflektionsfläche auf dem Verschlusstuch geprüft werden. Ist sie stark abgenutzt und keine gleichmäßige Fläche mehr, ist die Belichtungsmessung nicht mehr verlässlich.

Ansonsten ist die M6 eine unverwüstliche Kamera, für die es noch genug Ersatzteile gibt. Moderner kann ein Klassiker kaum sein.

Zum Schluß

Dieser Bericht ist ohne Ausflüge in die Technik ausgekommen und das auch ganz bewußt. Das Netz ist voll mit technischen Details zur Leica M6 und da braucht es hier sicher nicht noch eine Abschrift der technischen Daten. Die Leica M6 ist die Meßsucherkamera, die mich persönlich emotional am meisten erreicht. Es ist aber nur ein Kameragehäuse. Sie macht keine besseren oder schlechteren Bilder, als jede andere M-Kamera. Das Bild macht der Fotograf durch das Objektiv und Objektive gibt es genug für das M-System. Meine Lieblinglinse ist das Voigtländer Nokton Classic 35mm F1.4. Es ist kompakt, scharf und hat Charakter. Das kombiniert mit einem Ilford FP4+ bei 125, 250 oder 500 ASA oder ein Kodak Portal 160 ergibt den Look, den ich gerne mag.

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