Revue 400 SE – Review 2019

Vorgestellt 1977, erfreuen sich die Revue 400 SE als auch ihre Geschwister heute noch einer großen Beleibtheit. Als aber zu Beginn der Achtziger Jahre die Kunden von Kompaktkameras lieber zu Vollautomatik, Zoom und Autofokus griffen, verblasste der helle Stern der kompakten Meßsucherkameras mit Festbrennweite zunehmend. Das Marketing zu jener Zeit war eine Gratwanderung und davon geprägt, die Revue 400 SE als Schnappschusskamera für den Ottonormalfotografierer anzupreisen. Für 259 Deutsche Mark bekam man damals einen Meßsucher mit einem lichtstarken 1:1,7/40mm Objektiv, Verschlußzeiten von 1/8 bis 1/500, Blendenautomatik, einen giftgrünen Karton, 2 Anleitungen, 1 Knopfzelle mit feinstem Quecksilber und einen Beutel Silica Gel der Marke Fuji.

Die Revue 400 SE (aus dem Jahr 1980) in ihrer Originalverpackung.

Herausragend und vielleicht gar nicht genug gewürdigt, war und ist das Objektiv. Lichtstark auf der einen Seite und unglaublich scharf und hochauflösend auf der anderen Seite. Es ist etwas empfindlich für Gegenlichtsituationen und für den Fall, dass man diesen Effekt brutal verschlimmern möchte, hat man damals den 19,90 DM teueren Skylightfilter vor die Linse geschraubt.
Wer auf diese Art von Filter verzichten kann und sich durch einfachste Mittel beim Fotografieren ins Gegenlicht zu helfen weiss, der zaubert mit der kleinen Revue 400 SE unglaublich gute Bilder.

Ein großes deutsches Warentestinstitut hat die Revue 400 SE im Frühjahr 1977 mit “gut” bewertet. Dem Testergebnis gibt es kaum etwas hinzuzufügen. Doch die Zeit schreitet voran und der Bedarf an manuellen Kameras war damals mehr als gedeckt. Erst seit dem Retrotrend der 2000er Jahre, erleben analoge Meßsucherkameras eine Renaissance.

Heute, 40 Jahre später sind die kleinen Dinger wieder voll im Trend. Wie konnte man damals auf Film fotografieren? Das fragt sich eine junge Generation, die intuitiv nach jedem Foto auf die schwarze Rückwand der Kamera äugt, in der Hoffnung die Bildvorschau zu sehen. Keine Chance, Freunde. Anstatt eines fingernagelgroßen Bildsensors, zieht die Revue 400 SE Wechselsensoren im Vollformat durch. Jedes Bild ein Sensor. Vollformat (habe ich das schon erwähnt?). Damals wurde man von Profifotografen mitleidig angeguckt, wenn man mit dem Kleinbildformat herumhantiert hat – weil man sich kein Mittelformat leisten konnte – und Kleinbild sowieso nicht die optimale Qualität bringt; und so weiter. Es hat sich also nicht viel in den letzten 40 Jahre Fotoszene geändert, oder?
Was sich allerdings geändert hat, ist die heute immer gleiche Qualität des Sensors. Ist ja auch logisch, weil der Sensor fest in der Kamera verbaut ist. Bei der Revue 400 SE hängt das Ergebnis ganz erheblich eben auch vom Film ab. Damals wie heute. Wer der Meinung ist, mit einem günstigen Drogeriemarktfilm die Qualität des Objektivs herauszukitzeln, den muß ich enttäuschen. Wer heute das Optimum aus der Revue herausholen will der muß tiefer in die Tasche greifen und einen Film wie

  • Kodak Ektar 100
  • Kodak Porta 160
  • Fuji Neopan Acros 100
  • Ilford FP4+ 125

nehmen. Die klassischen ASA 200 oder 400 Farbfilme für 5 Euro eignen sich eher dafür die Funktion der Kamera zu prüfen, oder für den Hipster-Lomografen, der sich an richtig schlechten Bildern erst so richtig erfreuen kann. Für den Fall, dass man einen gewissen Anspruch an das fotografische Ergebnis hat, führt kein Weg an einem guten Film vorbei. Und diesen Anspruch kann die kleine Revue 400 SE voll bedienen. Das ist das Besondere an ihr. 86 Linienpaare pro Millimeter kann die Optik auflösen, also ein Potential von ca. 24 Megapixeln, wenn man es schafft diese Pixelanzahl aus dem Negativ herauszuscannen, was in Kombination mit dem Fuji Neopan Across 100 und einem sehr guten Scanner durchaus möglich ist. Rein technisch gesehen, kann man mit diesem Wunderapparat Bilder produzieren, die die Allermeisten nicht von einem hochwertigen Digitalbild unterscheiden könnten.
Viel entscheidender aber ist der Style. Die Farben eines Kodak Portra sind einfach einmalig. So einmalig wie die Farbexplosion eins Kodak Ektar, der digitalste analoge Film auf der Welt, dessen Farbkontraste einzigartig sind. Man kann zwar sehr viel mit der digitalen Bildverarbeitung nachahmen, aber Original bleibt Original.

Nun aber wieder zur Revue 400 SE. Die komplette Kamera passt in eine normale Handfläche und wiegt ca. 445 Gramm. Das Chassis, also der Hauptrahmen im Inneren ist aus Zinkdruckguss hergestellt. Unkaputtbar. Ober- und Unterteil sind aus Messing geformt. Plastikteile findet man nur sehr wenige. Die Mechanik in den Eigenweiden ist gleichermaßen simpel wie robust. Es gibt im Grunde nur sehr wenige Schwachpunkte, die mir beim Reparieren dieser Kameras aufgefallen sind. Der vielleicht größte Schwachpunkt ist die Fertigungsqualität.

Dazu eine kleine Anekdote: Ich hatte eine Kamera zur Reparatur, die nur noch die immer gleiche Verschußzeit feuern konnte. Beim Zerlegen der Kamera sieht man sofort, ob die Kamera schonmal repariert wurde und bei dieser war nach Öffnen der Objektiveinheit klar: Hier ist alles noch original. Der Fehler war dann aber schon etwas verblüffend, denn die Verschraubung des Verschlusses hatte sich gelöst und somit war das Zeitenrad herausgerutscht. Das die Schrauben sich gelöst hatten, war kein Wunder. Alle drei Schrauben waren zu kurz. Es waren kurze Gehäuseschrauben. Sowas kann natürlich passieren, schließlich wurde die Kamera von Menschen zusammengebaut und wir wissen alle, dass dieser Organismus zu Fehlern neigt. Gerne klemmt auch mal der Belichtungsmesser, was zu einem gewissen Grad der Konstruktion gepaart mit Verschleiß geschuldet ist.

Die Revue 400 SE von oben.

Durch die kompakte Bauform, ist das Handling der Kamera auf Reisen, auf der der Straße und wo auch immer Zwischendurch einfach perfekt. Schließlich gibt es auch nicht viel zu bedienen. Die Kamera ist ein Blendenautomat, was bedeutet, dass man eine Verschlusszeit einstellt und die Kamera die dazu passende Blende wählt. Die Blende wird im Sucherfenster durch eine dünne Nadel auf einer Skala von 1.7 bis 16 angezeigt. Die Rasterung im Inneren des Belichtungsmessers stellt die Blende in 1/3 Stufen ein. Dabei kann in dem Moment, wo die Nadel durch den Druck auf den Auslöser festgeklemmt wird, die Nadel auch auf die naheliegenden Rastpunkte rutschen. Man sollte daher auf keinen Fall in 1/3 Blenden rechnen. Dazu fehlt der mechanischen Konstruktion die Präzision. Aber was kümmert uns das bei einem Negativfilm? Richtig: Es ist zu vernachlässigen. Im Grunde kann man daher über die Verschlusszeit die Zeit/Blendenkombination frei wählen.
Wenn man die Kamera eine längere Zeit in der Hand hält, merkt man schon irgendwann, dass die Ziegelsteinform nicht wirklich ergonomisch ist. Dafür hat man aber Kleinbildformat in Handtellergröße.

Der Filmtransport läuft voll mechanisch und spannt gleichzeitig den Verschluss. Wenn eine Revue 400 SE neu ist, bzw. frisch geschmiert wurde, läuft der Transport sehr leichtgängig und fast geräuschlos. Lautere Geräusche, leichtes Haken und ein deutlich spürbarer Widerstand, sind eine Aufforderung der Kamera etwas Gutes zu tun. Der Verschluss ist ebenfalls relativ leise. In der Kombination fällt man mit der Revue kaum auf und drückt nahezu unbemerkt auch in stillen Situationen auf den Auslöser.

Nach jedem Auslösen, aktiviert sich die Doppelbelichtungssperre. Diese Sperre ist direkt an den Filmtransport gekoppelt und kann nicht umgangen werden. Doppelbelichtungen sind daher mit der Revue nicht möglich. Gleichzeitig gibt das manuelle Lösen der Sperre an der Unterseite der Kamera, den Film frei für das Zurückspulen in die Patrone. Wenn man den Film optimal eingelegt hat, bekommt man 38 Bilder auf einen 36er Film. Die Aufnahmespule und die Transportwalze packen ordentlich zu und die Filmführung der Revue 400 SE ist sehr präzise. Aus diesem Grund reicht es aus, den Film in die Aufnahmespule zu stecken und durch den Transporthebel etwas auf Spannung zu bringen. Dann schließt man den Deckel und bewegt den Hebel zum Ende. Wenn sich die Rückspulkurbel mitdreht, ist der Film korrekt eingelegt. Nun 1x Auslösen und 1x Transportieren und das erste Foto kann geschossen werden.

Wenn es der Revue und dem eingelegten Film zu dunkel wird, ist es möglicherweise an der Zeit einen Blitz hervorzuzaubern. Abgekupfert von der Konica Auto S3, verwendet die Kamera ein mechanisch simples aber geniales System, um mit einfachen, manuellen Blitzen korrekt belichtete Bilder zu bekommen. Dazu stellt man den hinteren Ring am Objektiv von der Stellung AUTO auf die Leitzahl des Blitzlichts. Das war es schon. Die Kamera stellt nun die Blende im Verhältnis zur Fokusentfernung und Leitzahl ein. Man muß nur noch fokussieren und auslösen. Das wirklich schöne daran ist, dass dieses System mit jedem auch noch so einfachen Blitz funktioniert, dessen Leitzahl wir kennen. Es muß nichts berechnet, gemessen oder geschätzt werden. Zugegeben: Das System funktioniert nicht, wenn man indirekt blitzt, bzw. hier müsste man mit der Leitzahleinstellung an der Kamera tricksen, um richtig zu belichten. Aber mal ehrlich: Wer zückt denn freiwillig bei einem 1:1,7 einen kleinen Elektronenblitz? Ok, für Beweisfotos an einem Tatort ist das sicherlich brauchbar.

Werfen wir jetzt aber einen Blick auf das Zweitwichtigste an der Revue: Den Meßsucher. Zugegeben: Es gibt größere Meßsucher. Oder Meßsucher mit einer größeren Basis. Und es gibt Meßsucher mit einer automatischen Parallaxenkorrektur. Das alles hat die Revue 400 SE nicht, aber dennoch ist der Meßsucher der Revue mehr als brauchbar. Die allermeisten Kameras, die heute noch im Umlauf sind, haben nie eine Reinigung gesehen und der Meßsucher mit seinen vielen Oberflächen ist nicht abgedichtet. Staub und Beläge hatten also um die vierzig Jahre zeit, den Meßsucher einzutrüben. Ist der Meßsucher neu und wirklich sauber (also auch Innen komplett gereinigt), ist der genauso hell und gut erkennbar, wie bei größeren Meßsuchergeschwistern. Es mangelt ihm eigentlich nur an Abmessung, also reine Größe. Der goldgelbe Meßfleck ist sehr kontrastreich und gut zu erkennen. Fokussieren ist daher ein Freude mit der kleinen Kamera.

Das Fokussieren an der Naheinstellgrenze von 90cm macht allerdings keine Freude. Hier macht sich die kurze Meßsucherbasis bemerkbar.
Übrigens: Auf die Revue 400 SE passt der Nahlinsenvorsatz der Konica Auto S3 mit der Bezeichnung Konica Auto-Up 3. Dieser Vorsatz reduziert die Naheinstellgrenze auf 100 bis 50 cm und korrigiert optisch den Meßsucher. Man kann damit tatsächlich Nahaufnahmen korrekt fokussieren. Achja und noch etwas: Man kann sogar die Linsengruppen zwischen der Konica Auto S3 und Revue 400 SE beliebig tauschen und es kommen immer noch scharfe Bilder heraus. Kurioser Zufall, nicht wahr?

Für wen ist die Revue 400 SE geeignet? Auf jeden Fall für jeden, der die Meßsucherfotografie einfach einmal ausprobieren will. Für alle, die das Motiv über die Technik stellen und einfach ideal für Streetfotografie.

Alternativen: Konica Auto S3, Minolta Hi-Matic 7sII, Olympus 35 RD, bzw. 35 SP. Wer einen konpakten Meßsucher der Extraklasse sucht, dem sei die Canonet G-III QL17 empfohlen.

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