Rollei XF 35 – einfach anders

Auf den ersten Blick sieht die Rollei wie ein weiterer Klon der Konica C35 Plattform aus. Die Abmessungen und Bedienelemente legen diese Vermutung nahe, aber die Rollei XF 35 ist eine vollkommen eigenständige Konstruktion, die eigentlich gar nichts mit der C35 und ihren vielen Abkömmlingen gemeinsam hat. Genau deswegen werfen wir heute einen Blick auf diese eigentlich sehr typische Rollei.

Wenn man eine analoge Kamera in die Hand nimmt, dann zieht man intuitiv am Spannhebel und drückt den Auslöser. Der Filmtransport gibt ratternde Geräusche von sich und der Hebel hat einen bestimmten Widerstand. Nicht so bei der Rollei XF 35. Und das ist das erste, was wirklich auffällig ist: Der Transport ist flüsterleise und butterweich. Man braucht so gut wie keine Kraft und so manch ein Werkstattkunde hat schon um einen Service gebeten, weil er dachte der Transport sei defekt. Nein, weit gefehlt, denn der Transport ist wirklich so leise und geschmeidig und absolut gar kein Vergleich zu einer Revue 400 S/SE oder Konica Auto S3 (u.a.)

Die Konica C35 Plattform von 1967 war der Einsteig in den Messsucher Massenmarkt. Ihre Konstruktion ist simpel, aber effizient. Wenig Bauteile, leicht und schnell zu fertigen und robust. Auf Basis dieser Plattform wurden in Lizenz sehr viele Kameras gebaut und vermarktet: Konica Auto S3, Minolta Hi-Matic 7s II, Revue 400 SE, Revue 400 S, Vivitar 35 ES, Prinz 35 ER und viele mehr.

Bei Rollei muss man sich gedacht haben, dass ein solches Modell zeitgemäß ist und das Portfolio nach unten abrundet. Jetzt hätte es vielleicht nahegelegen, einfach auf den Konica-Zug aufzuspringen und die XF 35 in Lizenz zu bauen, aber Rollei hat eine eigene Kamera konstruiert. Öffnet man die Kamera, erkennt man im Vergleich zu den Japanern sofort, dass hier diese typische Rollei-Ingenieurs-Kunst am Werke war, wie auch bei anderen weltbekannten Rolleiprodukten. Ein gewisser Hang zu Komplexität und Perfektionismus erfreut das Mechanikerherz, dürfte aber zweifelsfrei ein ökonomischer Wahnsinn gewesen sein. Verglichen mit einem C35-Klon dürfte die Produktion und Endkontrolle einer XF 35 sicherlich 1/3 länger gedauert haben und die Bauteilliste ist deutlich länger. An dieser Stelle wird einem auch plötzlich klar, warum Rollei diese Kamera zu einem nicht konkurrenzfähig hohen Preis anbieten musste.

Bei den C35-Klonen wird ein Messsucher mit einem Schwingspiegel verwendet. Der Meßsucher ist eine kompakte Einheit, die komplett vorproduziert einfach in das Chassis einer C35 eingesetzt und nur noch die Enfernungseinstellung angepasst wird. Alle anderen Komponenten der C35 sind so konstruiert und vorgefertigt, dass in der Produktion der Kamera diese Teile einfach nur noch montiert werden und die Kamera im Grunde schon justiert ist.

Der Meßsucher der Rollei XF 35

Wer gedacht hätte, dass der Meßsucher der Rollei XF 35 so konstruiert ist, wie alle anderen Meßsucher, der irrt. Bei der Rollei stehen alle Spiegel fest (!). Das wirft natürlich die Frage auf, wie ein Meßsucher funktioniert, wenn es keinen beweglichen Spiegel gibt? Klar doch: Das Leica Prinzip! Man bewegt eine Projektionslinse zwischen den Spiegeln… aber das ist es auch nicht. Wenn man jetzt weitergrübelt, könnte man auf die ganz schräge Idee kommen, den Strahlengang des Sucherfensters zu verändern und eben nicht den des Meßspiegels. Nein, nicht wirklich, oder? Doch! Die Rollei XF 35 bewegt eine asymetrisch geschliffene Linse horizontal vor dem Sucher hin und her. Man kann sich die vordere Sucherlinse wie eine Gleitsichtbrille vorstellen. Aber nicht nur das: Diese Seitwärtsbewegung muss natürlich irgendwo herkommen, daher reicht es also nicht aus, wie bei der C35 den Hebel des Sucherspiegels einfach auf die Objektivrückseite drücken zu lassen und die Vertikale will ja auch justiert werden. Ohne jetzt noch weiter in den technischen Details herumzukramen, ist der Sucheraufbau der XF 35 unnötig kompliziert im Vergleich zur japanischen Konkurrenz.

Der Sucher. Unscheinbar von Außen, kompliziert in Innen.

Die Sucherbasis selbst ist so klein, wie bei allen diesen Kameras. Das Optische System jedoch ist sehr gut designt und in der Praxis sehr klar und kontrastreich. Die Erkennbarkeit ist sehr gut, solange die Optik im Sucher keinem laienhaften Reinigungsversuch zum Opfer gefallen ist. Der Teilspiegel reagiert extrem empfindlich auf eine Reinigung. Es darf niemals Druck, oder ein Reinigungsmittel verwendet werden. Augenwatte mit destilliertem Wasser ist das Maximum, was man dem Teilspiegel antun darf. Es gibt viele Berichte darüber, die Entfernungseinstellung sei schwierig bei der XF 35, weil es eben konstruktionsbedingt einen Unterschied macht, in welchem Winkel man durch den Sucher blickt. Das ist teilweise richtig, aber der Effekt ist eigentlich nur minimal wenn der Sucher korrekt justiert ist. Ferner merkt man es deutlich, wenn man nicht exakt gerade durch den Sucher guckt. Das Problem ist also zu vernachlässigen. Für das Meßsuchererlebnis ist also ganz in Ordnung.

Die Rollei XF 35: Composite statt Metall.

Die Rollei XF 35 bricht mit einer Tradition: Sie hat kein Chassis aus Metall, sondern aus einem Verbundwerkstoff auf Kunststoffbasis. Der Anteil an metallenen Bauteilen hält sich in Grenzen. Gewichtsmässig bringt das aber keinen Vorteil, da dieser Werkstoff dank seiner hohen Dichte genauso stabil ist, wie ein Druckguss und damit auch genau schwer ist. Ein tolles Detail dabei ist, dass die Rollei XF 35 keine Lichtdichtungen braucht.

Die Optik – Sonnar 40mm f 1:2.3

Unglaublich. Diese Linse ist scharf und zwar nach allen Regeln der Kunst. Satte Kontraste, eine lebendige Farbwiedergabe und eine mustergültige Vergütung, die sich von Gegenlichtsituationen nicht aus der Fassung bringen lässt. Das tröstet sogar darüber hinweg, dass die XF 35 ein Vollautomat ist, d.h. sie wählt die Blendenöffnung der Verschlusszeit vollautomatisch ohne Einflußmöglichkeit des Fotografen. Sie verwendet dabei einen typischen Trägheitsverschluß, bei dem Blende und Verschluss das gleiche Bauteil ist. Im Sucher ist eine Skala vorhanden, die die festen Blenden- und Verschlusszeitkombinationen anzeigt. Dabei gilt die Regel: Je kleiner die Verschlusszeit, desto höher die Blendenzahl.

Dafür ist das Handling natürlich super easy: Point, Focus, Shoot. Ohne Batterie ist die Rollei aber nicht zu gebrauchen. Das Filmeinlegen ist kinderleicht und die kleine Rollei wickelt den Film richtig herum auf. Der Film lässt sich also sehr einfach in den Entwicklungstank spulen.

Rollei XF 35 – Rückseite

Die Fakten

  • Sonnar 40mm Objektiv f 2.3
  • kleinste Blende 16
  • Vollautomatische Belichtung
  • CdS Zelle im Objektiv
  • ASA 64 bis 400
  • gekuppelter Mischbildentfernungsmesser 1m bis Unendlich
  • Vorlaufwerk ca. 10 Sekunden
  • Bildzählwerk 36 Bilder, selbstrückstellend
  • Blitzautomatik nach Leitzahlensystem
  • Blitzsynchronisation über Mittelkontakt
  • Stativgewinde
  • Drahtauslösergewinde
  • Betrieb mit einer V625U möglich

Im Grunde ist die Rollei eine sehr anspruchsvolle Kamera, zu der es besser gepasst hätte, wenn es sie mit einer manuellen Steuerung von Blende und Verschluss gegeben hätte.

In der Praxis macht die Rollei XF 35 viel Freude. Die Bedienung ist sehr unkompliziert und alle Elemente sind sehr gut zu erfühlen. Sie eignet sich hervorragend für die Street- und Reisefotografie und glänzt im Zusammenspiel mit einem Kodak Portra 160 oder dem Ilford FP4+. Wer darüber nachdenkt, eine Revue 400 S, 700 EL oder einen ähnlichen Vollautomaten anzuschaffen, sollte definitiv nach einer Rollei XF 35 suchen. Durch ihr fantastisches Objektiv ist die Rollei diesen Kameras absolut überlegen.

Schlussbemerkungen

Die Rollei XF 35 hat keine Parallaxenkorrektur, sondern nur Markierungen dafür im Sucher.

Die Kamera ist keine Kopie irgendeiner anderen Kamera.

Es gibt ein baugleiches Modell von Voigtländer, die VF135

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